Gesendet: Sonntag, 16. März 2014 um 09:55 Uhr
Von: „St. Best“ <sbest>
Betreff: Diskussion zu „Sueddeutsche Zeitung: Propaganda am Limit oder Realsatire?“
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http://www.freitag.de/autoren/soenke-paulsen/krise-in-europa-nuetzt-den-amerikanern
der Freitag, 13.03.2014
Krise in Europa nützt den Amerikanern!
US-Szenario: Die Konfrontation mit Russland soll vor allem die EU schwächen.
Brüssels Feinde sitzen nicht in Moskau, sondern in Washington
von SÖNKE PAULSEN
Allmählich dämmert es den Europäern, in welchem Schlamassel sie gelandet sind. Eigentlich sollte doch alles ganz anders laufen.
Jahrelang wurde das EU-Assoziierungsabkommen für die Ukraine nachrangig behandelt. Viele europäische Politiker, besonders die deutsche Bundeskanzlerin, haben ein fast demonstratives Desinteresse gegenüber der Ukraine signalisiert. Ein ganzes Land wurde dabei zur Geisel einer quasi humanitären Mission, in der Julia Timoschenko befreit werden sollte. Ohne Freilassung Timoschenkos, so hieß es bis zuletzt, würde es kein Abkommen geben.
Weder in der Presse, noch in Verlautbarungen europäischer Politiker gab es dabei ein gesteigertes Interesse, die Ukraine näher an die EU anzubinden. Eigentlich war man froh, als Janukowitsch schließlich nicht unterzeichnete und hat zuvor einiges dafür getan, dieses Abkommen möglichst unannehmbar zu gestalten.
Der Paukenschlag, der dann kam hätte die EU aber nicht überraschen dürfen! Denn während Brüssel selbst das tat, was es Janukowitsch immer vorwarf, auf Zeit zu spielen, bereiteten die Amerikaner den gewaltsamen Machtwechsel in der Ukraine vor. Dabei sind die Äußerungen Nulands in dem bekannten abgehörten Telefongespräch nur die eine Spitze des Eisberges amerikanischer Cold-War-Strategy. Die andere Spitze sind die stolz verkündeten 5 Milliarden Dollar, die die Amerikaner in den letzten Jahren für die „politische Aufbauarbeit“ investiert hatten. Wer das Telefonat „Fuck the EU“ anhört, stellt schnell fest, wie vertraut man auf amerikanischer Seite schon mit den radikalsten und gefährlichsten Oppositionsführern war, die bereits Spitznamen und Kosenamen hatten.
Amerika hat seit dem Kosovo eine Kontinuität in Osteuropa gewahrt, die der westeuropäischen Öffentlichkeit einfach nicht bewusst war, obwohl es ohne weiteres hätte gewusst werden können. Während die EU und ihre Medien wegschauten, machten die Amerikaner in Ost-Europa Aufbauarbeit im Sinne der Nato. Damit man die Motive der Amerikaner begreift, ist es nicht nötig auf Brzezinzki und die amerikanische Cold-War-Strategie gegen Russland zu rekurrieren, es reicht völlig aus, sich anzuschauen, was die Amerikaner derzeit in Ost-Europa treiben.
Selbst etablierte und primär amerikafreundliche Politiker, wie Klaus von Dohnanyi und Philipp Mißfelder äußern sich besorgt darüber, wie die Amerikaner derzeit in Polen und im Baltikum aufrüsten und wie sehr Amerika die Ängste der Osteuropäer vor einer russischen Okkupation befeuern. Obamas wiederholt geäußerte Erwartung, dass Russland Osteuropa bedroht, erscheint da noch als milder diplomatischer Ton. Obama wird für die kategorische Absage an militärische Schritte in Washington als Schwächling bezeichnet. In Washington will man keine Deeskalation, sondern verschärfte Konfrontation und im Falle der Ukraine setzt man auf weitere Destabilisierung. Oder wie ist es zu werten, dass Chevron schon mal das ukrainische Pipelinenetz und Gasrechte zugesprochen bekommt und Steinmeier durch Osteuropa reist, um die Regierungen zu beruhigen, während die USA ganze Staffeln von Kampfjets nach Polen und ins Baltikum verlegt? Sollen da die Bemühungen des deutschen Außenministers unterlaufen werden?
Selbst wenn man hier noch an die guten Amerikaner glauben mag, erscheint der Aufbau des Raktenabwehrschirms in der Ukraine, als „IWF-Bedingung“ für weitere Kredite an das Land zum jetzigen Zeitpunkt als reine Provokation gegen Russland.
Die Anzeichen verdichten sich, dass nicht Stabilisierung, sondern Destabilisierung der Situation die höchste Priorität für die Amerikaner hat und damit ein fast konträrer Kurs zu den deutschen Vermittlungsbemühungen gefahren wird. Dabei ist Merkel fast gezwungen amerikanische Drohungen nachzuplappern, damit ihr nicht die osteuropäischen Regierungen ganz davon laufen. Die Feststellung, dass die Amerikaner Angela Merkel vor sich her treiben erscheint da keinesfalls übertrieben.
Dahinter stehen die extrem unterschiedlichen Interessen von Amerikanern und Europäern. Amerika will keine Annäherung zwischen EU und Russland, was für sie einen Kompromisskurs auch in der Ukrainefrage ausschließt. Amerika will Russland von Europa isolieren und ist gerade dabei, dieses Konzept erfolgreich umzusetzen. Dabei ist der amerikanische Hauptgedanke bei dieser Interessenslage gar nicht nur die Eindämmung eines russischen Einflusses in Europa. Die Amerikaner haben keine Angst vor Russland. Die Amerikaner haben Angst vor Europa.
Die Strategie, die scheinbar in einer russisch-amerikanischen Blockkonfrontation aufgeht, ist in Wirklichkeit viel größer angelegt. Es geht darum Europa im Krisenzustand zu halten, um ein weltpolitisches Aufholen der EU gegenüber den USA möglichst lange hinauszuzögern. Wenn es dann auch noch gelänge, die Europäer in einen kalten Krieg mit Russland zu treiben, hätten die Amerikaner drei riesige Vorteile auf ihrer Seite:
1.Das kriselnde Europa hat keine Chance seine Währungsmacht auf Augenhöhe des Dollars zu bringen und die Wirtschaft bleibt weiter von der amerikanischen Finanzindustrie abhängig.
2.Ein gespaltenes Europa bleibt politisch schwach genug, um die Dominanz der Amerikaner im Nahen Osten und Osteuropa hinzunehmen, wobei die Rohstoffzusammenarbeit mit Russland auch weiterhin der einzige originäre und amerikaunabhängige Zugang der Europäer zu den Energieressourcen der Welt bleibt.
3. Die Horrorvision der Amerikaner bezüglich einer Freihandelszone, die im Schwerpunkt zwischen EU und den ehemaligen Sowjetstaaten besteht und damit zu einem wirtschaftlichen Machtblock führt, der auch die USA überflügeln und dominieren könnte, rückt in weite Ferne. Ganz im Gegenteil werden die Europäer in einer chronischen Konfrontation mit Russland weiterhin die Amerikaner als Schutzmacht brauchen.
Es muss also von Washington alles getan werden, um die Europäer zu schwächen und möglichst in eine Blockadesituation mit den Russen zu bringen. Genau das geschieht derzeit.
In diese Strategie passt ebenfalls die Übernahme des Ukrainischen Pipeline-Netzes durch die Amerikaner. Das Zwischenglied zu einer unrealistisch teuren Nabucco-Pipeline vom Kaukasus nach Europa wäre damit gefunden und die Umgehung Russlands bei Lieferung von Gas und Öl aus dem Kaukasus wäre mit vertretbarem Aufwand zu machen. In Verbindung mit dem Fracking durch amerikanische Konzerne in Europa, könnte damit die Energieabhängigkeit von Russland auf Null gestellt werden. Damit entfiele ein wesentlicher Grund für die Europäer, sich weiterhin politisch und wirtschaftlich mit Russland zu verbünden.
Ein kleiner Meilenstein auf dem Weg zu dem angestrebten amerikanischen Projektziel, das da lautet:
Spaltung zwischen Russland und Europa und möglichst auch innerhalb Europas voranzutreiben. Im Resultat wäre Russland auf den asiatischen Wirtschaftsraum zurückgeworfen und die Europäer zerfielen in Kleinstaaterei. Amerika bleibt als globale Führungsmacht unangefochten. Egal wie hoch der Preis für die Erreichung dieses Zieles ist, die Amerikaner müssen ihn nicht bezahlten. Am Ende zahlt die EU. – Hervorh. m.z. –
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