Interview von J. WERNICKE mit M. HARTMANN über „Die globale Wirtschaftselite“, NDS, 25.11.2016


globalcrisis/globalchange NEWS

Martin Zeis, 25.11.2016

Hallo zusammen,

Jens Wernicke hat heute auf NDS ein – gerade für die konzern-/kapitalismuskritischen sozialen Bewegungen – interessantes Interview mit dem Soziologen Michael Hartmann* zum Thema „Die globale Elite“ veröffentlichen lassen (vgl. www.nachdenkseiten.de/?p=35985 und pdf-Datei im Anhang).

Die zentrale, empirisch sehr gut belegte These Hartmanns ist, dass es nicht d i e globale Wirtschaftselite gibt, ebenso nicht d i e eine globale Kapitalistenklasse. Vielmehr rekrutiere sich der zu dieser sozialen Schicht zugehörige Personenkreis jeweils aus nationalen Systemen, bleibe überwiegend dort basiert (rechtlich, Wohnsitz, Zentralen + Steuerungsknoten der Konzerne …) und die Handlungsspielräume auf nationaler Ebene seien wesentlich höher als die seit 30 Jahren von interessierter Seite gestreute Behauptung von der Über-/Allmacht einer globalen (einheitlichen, organisierten) Wirtschaftselite suggeriere.

„… Die Eliten existieren natürlich, aber eben auf nationaler Ebene. Was den Angriff auf die Sozialsysteme oder die steuerliche Begünstigung von Großkonzernen und Reichen angeht, waren und sind sich die Eliten aus den westeuropäischen Ländern und Nordamerika auch weitgehend einig. Die Ursache dafür liegt aber nicht in Absprachen untereinander und in einem koordinierten Vorgehen. Sie ist vielmehr in erster Linie in den veränderten politischen Kräfteverhältnissen in den einzelnen Ländern zu suchen. (…)

Der Sieg des neoliberalen Denkens ist zwar von interessierten Kreisen vorbereitet worden, er verdankt seinen Erfolg aber dem Niedergang all jener Kräfte, die für die dominierende Rolle des Keynesianismus in den meisten westlichen Staaten nach 1945 gesorgt haben. Nach dem 2. Weltkrieg waren die herrschenden Klas-sen in diesen Ländern diskreditiert, die Gewerkschaften und die klassischen sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien in West-europa waren dagegen außergewöhnlich stark und die Existenz des Ostblocks zwang die Herrschenden zu Zugeständnissen. All das hat sich seit den 1980er Jahren Stück für Stück geändert.“
(…)

Was bedeuten die Ergebnisse Ihrer Analyse für linke Bewegungen und Parteien?

Sie zeigen, dass die Handlungsspielräume auf nationaler Ebene viel größer sind, als es das jahrelange Gerede von der Übermacht der globalen Wirtschaftselite und der daraus resultierenden Alternativlosigkeit der herrschenden Politik vermuten lässt.

Das gilt besonders für das Problem der Besteuerung von Großkonzernen und Reichen. So wohnen von über 300 US-Bürgern unter den 1.000 reichsten Menschen der Welt nur drei im Ausland. Von den 67 Deutschen sind es dagegen 19. Der wesentliche Grund dafür ist ganz einfach: Die USA besteuern alle US-Bürger nach den US-Steuersätzen, egal, wo diese leben. Wenn sie andernorts weniger Steuern zahlen, müssen sie den Differenzbetrag eben an die USA abliefern. Geben sie die Staatsbürgerschaft ab, fällt eine sogenannte Exit-Tax von gut 20 Prozent auf das gesamte Vermögen an. So etwas könnte auch die Bundesrepublik machen. Dann würde die Anzahl der in der Schweiz residierenden deutschen Milliardäre und Multimillionäre mit Sicherheit drastisch sinken.

Bei den Unternehmen ist es komplizierter. Sie können natürlich Investitionen in ein anderes Land verlagern. Bei den Zentralen der Unternehmen ist das aber sehr viel schwieriger. Es hat schon einen Grund, dass die Verlagerung von Firmensitzen so gut wie immer nur juristisch erfolgt, nicht aber tatsächlich.

So sind alle britischen und US-Konzerne, die wie Allergan oder Seagate ihren offiziellen Sitz in Irland haben, mit ihren Hauptquartieren nicht wirklich dorthin gezogen. Sie sind in Großbritannien und den USA geblieben. Der wesentliche Grund dafür ist, dass sie in regionale oder nationale Netzwerke eingebunden sind, die sie nicht einfach ohne große Einbußen an Qualität und Leistungsfähigkeit aufgeben können.

Und Apple spart zwar Steuern über seine Niederlassung in Irland, das Headquarter mit allen entscheidenden Abteilungen ist aber im Silicon Valley. Das Angebot an hochqualifizierten Arbeitskräften dort, die Kontakte zu Stanford und Berkeley, die informellen Netzwerke etc. lassen sich eben nicht nach Irland transferieren.

Ähnliches gilt auch für deutsche Autokonzerne und den deutschen Maschinenbau. Für Unternehmen, die wie die russischen oder chinesischen enger an den Staat beziehungsweise an die Märkte bzw. Rohstoffe in einem Land gebunden sind, trifft das noch stärker zu.“

* Michael Hartmann, Jahrgang 1952, war von 1999-2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliten-, Management- und Hochschulforschung im intern-ationalen Vergleich. Im Jahr 2002 erhielt er den Thyssen-Preis für den besten sozialwissen-schaftlichen Aufsatz des Jahres, 2010 den Thyssen-Preis für den zweitbesten sozialwissen-schaftlichen Aufsatz des Jahres und 2008 den Preis der Deutschen Gesellschaft für Sozio-logie für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Sozio-logie. Wichtige Buchveröffentlichungen: Der Mythos von den Leistungseliten (2002); Elite-soziologie (2004); Eliten und Macht in Europa (2007); Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten? (2013); Die globale Wirtschaftselite (2016).

Michael Hartmann
Die globale Wirtschaftselite – eine Legende
Broschiertes Buch
September 2016
Campus Verlag
24,95 Euro

Leseprobe: http://www.buecher.de/shop/globalisierung/die-globale-wirtschaftselite/hartmann-michael/products_products/detail/prod_id/45001821

HARTMANN-die-globale-Elite_NDS-Interview161125.pdf

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