Mathias BRÖCKERS, R. A. WILSON: Lexikon der Verschwörungstheorien — Verschwörungen, Intrigen, Geheim bünde; Westend-Verlag, Aug. 2016, 18 Euro


globalcrisis/globalchange NEWS
Stuttgart, 04.10.2016

Mathias Bröckers hat heute auf seinem Blog www.bröckers.com ein von Jens Wernicke geführtes Interview zu seinem jüngsten Buch „Lexikon der Verschwörungstheorien“ annonciert, dessen Lektüre sich lohnt.

Robert Anton Wilson, Mathias Bröckers: Lexikon der Verschwörungstheorien — Verschwörungen, Intrigen, Geheimbünde; hrsg. v. Mathias Bröckers, übersetzt von Gerhard Seyfried (Westend-Verlag, Aug 2016, 304 S., 18,00 Euro)

Im Folgenden zwei Auszüge aus dem Interview, der gesamte Text im Anhang (pdf, 5 S.)

Grüße,
Martin Zeis

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www.broeckers.com/2016/10/04/vorsicht-verschworungstheorie

Jens Wernicke hat mich anläßlich der Neuerscheinung des “Lexikons der Verschwörungstheorien” * zum Thema befragt.

Herr Bröckers, Verschwörungstheoretiker – das sind doch die Spinner und Irren, die an Aliens glauben und Unfug verbreiten. Und nun geben Sie für diese als Zielgruppe das „Lexikon der Verschwörungstheorien“ heraus – werden Sie jetzt unseriös?

Die erste Ausgabe dieses Lexikons erschien in den USA schon Ende der 90er Jahre und weil ich fast alles, was Robert Anton Wilson geschrieben hatte, sehr schätzte, suchte ich in Deutschland einen Verlag und gab die deutsche Ausgabe heraus.
Wilson hatte mit seinem Kollegen Robert Shea in den 70er Jahren den großartigen Verschwörungsschmöker „Illuminatus“ geschrieben, eine psychedelisch überdrehte Romantrilogie über die mächtigen und seit Jahrtausenden im Untergrund geheim agierenden Strippenzieher der Weltgeschichte, die „Illuminaten“, und ihre ebenso untergründigen Gegenspieler, die „Diskordianer“.
Wilson wurde dann von vielen Lesern immer wieder darauf hingewiesen, dass nicht nur an den Realitätspartikeln, aus denen er seine fiktive Story zusammengebaut hatte, etwas dran war, sondern auch an den Zusammenhängen. Und dass man eigentlich nicht mehr unterscheiden könne, was nun wahr und was falsch sei.

Das erfreute den anarchistischen Erkenntnistheoretiker Wilson natürlich ungemein, und so entschloss er sich, mehr als zwanzig Jahre später mit diesem Lexikon noch eins drauf zu setzen:
„Du solltest die Welt als eine Verschwörung sehen, die von einer sehr eng verbun-denen Gruppe nahezu allmächtiger Leute betrieben wird, und du solltest daran denken, dass es sich bei diesen Leuten um dich und deine Freunde handelt.“
Mit dieser Betriebsanleitung enthüllte er, was hinter all seinen Masken und Spiegeln, die vom Ironiker zum Philosophen, vom Witzbold zum Psychologen reichen, vom Wissenschaftler zum Poeten und vom Dokumentaristen zum Reporter, den Kern aller seiner Bücher ausmacht: die Anregung zum Selbstdenken. Also jenseits des Zauns der herrschenden Dogmen und etablierten Wahrheiten. Das wurde und wird von den Autoritäten, die sich darin wohl eingerichtet haben, grundsätzlich nicht gern gesehen und um ihre Dogmen, ihre Wahrheiten, ihren Unfug als „normal“ zu verteidigen, müssen sie alle anderen als Verrückte, als Irre, als Ketzer bezeichnen.

Wer vor ein paar Jahren die Belege und Indizien dafür angeführt hätte, dass die NSA sämtlichen E-Mail- und Mobilfunk-Verkehr bis zum Handy der Kanzlerin abhört, wäre sofort als böswilliger, antiamerikanischer „Verschwörungstheoretiker“ abgekanzelt worden.

(…)

Und schon sind wir mitten … „in einer Verschwörungstheorie“: Die Oberen, die Mächtigen eines Landes, und die Geheimdienste lenken und steuern also die öffentliche Wahrnehmung und manipulieren unseren Geist? Läuft es darauf hinaus?

Die öffentliche Wahrnehmung und die sich daraus ableitende öffentliche Meinung sind für jedes Herrschaftssystem ein ganz entscheidender Faktor, den keine Regie-rung außer Acht lassen kann, gleich ob sie demokratisch oder diktatorisch ist. Sie kann ihre Maßnahmen nur durchsetzen, wenn sie die öffentliche Meinung kontrolliert.
Ein Krieg gegen irgendein „Böses“ ist nur so lange möglich, wie die öffentliche Meinung, dass „wir“ die Guten sind, aufrechterhalten werden kann; tauchen zu viele Nachrichten und schreckliche Bilder über die Opfer auf, die nahelegen, dass dies eher kein „gerechter“ Krieg von Gut gegen Böse ist, hat die Regierung ein Problem. Vor allem wenn sie, wie in demokratischen Systemen, öffentliche Kritik und Zweifel nicht mit Zensur oder Gewalt unterdrücken kann.
Deshalb ist die öffentliche Meinung der zentrale Kampfplatz, auf dem die Deutungs-hoheit über die Ereignisse Tag für Tag verteidigt werden muss, wobei die entschei-dende Rolle den Medien zufällt.

Können Sie das bitte anhand eines Beispiels skizzieren, das zudem auch belegbare Fakten enthält?

Um die Deutungshoheit zu behalten, ist eine Kontrolle der Medien unverzichtbar. Wie man eine solche erreicht – wo Freiheit und Unabhängigkeit der Presse in Demokratien doch Verfassungsrang haben – demonstrierte etwa die „Operation Mockingbird“ der CIA, mit der von den 1950ern bis in die 1970er Jahre versucht wurde, Verlage und Redaktionen weltweit mit Führungspersonal zu bestücken, das die Agenda des Kalten Kriegs teilte.
Diese Unterwanderung erstreckte sich nicht nur auf die Nachrichtenmedien, sondern auch auf Wissenschaft und Kultur, wie Frances Stonor Saunders in ihrem Buch „Wer die Zeche zahlt“ detailliert aufgezeigt hat. Welcher Künstler, welcher Literat oder Denker groß rauskam, hatte weniger mit der Qualität seiner Werke, sondern mit seiner Stellung im „Kulturkampf“ zu tun. So wurde etwa der harmlose und ständig betrunkene Maler Jackson Pollock zum expressionistischen Großgenie hochgejubelt, nicht wegen der Qualität seiner großformatigen Klecksereien, sondern um die enga-gierten Maler des „sozialistischen Realismus“ zu kontern.

Diese Beispiele aus der Vergangenheit sind gut dokumentiert und es wäre naiv anzunehmen, dass solche Operationen seitdem nicht mehr stattfinden. Sie sind so etwas wie die softpower im Kampf um die Deutungshoheit, aber sie dienen demsel-ben Zweck wie die hardpower der Dienste. Wie letztere zum Einsatz kommt – in Form von Anschlag, Attentat, Putsch und regime change – hat David Talbot in seinem gerade auf Deutsch erschienen Buch * über Leben und Werk von Allen Dulles dokumentiert, des „Vaters“ der CIA.

David Talbot: Das Schachbrett des Teufels. Die CIA, Allen Dulles und der Aufstieg Amerikas heimlicher Regierung; Übersetzt von Andreas Simon dos Santos (Westendverlag sp. 2016, 608 S., 28,00 Euro)

Während sein Bruder John Foster Dulles als US-Außenminister überall salbungsvoll von “Demokratie” und “Freiheit” predigte, inszenierte der kleine Allen hinter der Bühne die politischen Morde, Terroranschläge und Aufstände, die zur Verbreitung dieser “Werte” erwünscht waren – von Guatemala bis Iran, von Puerto Rico bis Frankreich, von Kuba bis Italien. Um damit durchzukommen – um weiter als „die Guten“ zu gelten, bedurfte es der Medienunterstützung und wie Talbot zeigt, war Dulles auch hier ein Meister.
Bis hin zu seinem Meisterstück, dass er selbst die Untersuchung des Attentats auf John F. Kennedy leitete, eines Verbrechens, in das etliche seiner Mitarbeiter ver-strickt waren.
(…)

BRÖCKERS-Lexikon-Verschwörungstheorien161004.pdf

Ein Kommentar

  1. Sehr interessanter Artikel. Hoffe Sie veröffentlichen in regelmäßigen Abständen solche Artikel dann haben Sie eine Stammleserin gewonnen. Vielen dank für die Informationen.

    Gruß Anna

    Antwort

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