Sprachkritik: Stephan HEBEL, Dieter BAUMANN: Gute-Macht-Geschichten – Politische Propaganda und wie wir sie durc hschauen können


globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 01.04.2016

„Was ist schließlich ein Papst, ein Präsident oder ein Generalsekretar anderes als jemand, der sich für einen Papst oder einen Generalsekretar oder genauer: für die Kirche, den Staat, die Partei oder die Nation hält?“, fragte einst der große Soziologe Pierre Bourdieu. Und er fuhr fort: „Das einzige, was ihn von der Figur in der Komödie oder vom Größenwahnsinnigen unterscheidet, ist, das man ihn im allgemeinen ernst nimmt und ihm damit das Recht auf diese Art von ‚legitimem Schwindel‘ (…) zuerkennt.“

Der Politologe Martin Greiffenhagen druckt es noch prägnanter aus: „Wer die Dinge benennt, beherrscht sie. Definitionen schaffen ‚Realitäten‘.“ (…) Die Sprache der Politik beschreibt nicht nur unsere Wirklichkeit aus einer bestimmten Perspektive, sondern verändert und formt sie zugleich. Das Klima einer Gesellschaft, das Denken und Handeln ihrer Bürgerinnen und Bürger, die politische Kultur eines Landes – all das bleibt niemals unberührt von den Begriffen, in denen es wahrgenommen wird.

Ob die Mehrheit der Deutschen die Lage in Griechenland mit dem Wort „Reformbedarf“ verbindet oder mit dem Wort „Armut“ (oder dem Zurichten für den billigen Ausverkauf an und die Verwertung durch EU-/US-Investoren/Konzerne/Banken / m.z.), das verändert die politische Realität auch hier: „Begriffe, in denen wir denken, prägen das Bild von der politisch-sozialen Wirklichkeit und beeinflussen Verhalten. Bei dieser ‚konzeptuellen‘ Funktion der Sprache handelt es sich um strukturelle Macht.“

Diese Zeilen stammen aus einem kürzlich erschienenen, sprachkritischen Buch von Stephan HEBEL (ständiges Mitglied in der Jury für das „Unwort des Jahres) und Daniel BAUMANN (Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Rundschau). Auch ihnen ist „immer deutlicher aufgefallen, wie sehr die Wortprägungen und -erfindungen mächtiger Interessengruppen die Sprache der Politik beherrschen – bis weit in die Medien hinein.“ Das weckte in ihnen „den Wunsch, allen Interessierten eine Dechiffrierhilfe an die Hand zu geben, die die Bedeutung der wichtigsten politischen Schlagwörter zu entschlüsseln und die täglich wiedergekauten „Gute-Macht-Geschichten“ zu entlarven hilft.“

„Alternativlos
al | ter | na | tiv | los: „keine Alternativlösung zulassend, keine andere Möglichkeit bietend, ohne Alternative“, schreibt der Duden neutral. Aber in der Politik ist „alternativlos“ zu einem gefährlichen Kampfbegriff geworden, mit dem suggeriert wird, das Volk und seine Vertreter im Parlament hätten keine Möglichkeit, anders zu entscheiden als von der Regierung gewünscht.
Damit steht die Rede von der „Alternativlosigkeit“ im direkten Gegensatz zu einem Grundelement der Demokratie, nämlich der öffentlichen Debatte über alternative Politikmodelle. Denn, so die Jury, die den Begriff zum „Unwort des Jahres 2010“ erklärte: „Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe.“

Dieser geradezu antidemokratische Charakter der Formel von der „Alternativlosigkeit“ hindert viele Politikerinnen und Politiker nicht daran, sie im Munde zu führen. Das galt zunächst vor allem für die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher. Sie begleitete ihre Politik der Marktliberalisierung und des Sozialabbaus mit der Parole „There is no alternative“, die als „TINA“ abgekürzt traurigen Kultstatus erreichte. Als würdige Nachfolgerin Thatchers erweist sich in Deutschland vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel. …“

Zitate aus: Die Floskeln der Macht – Wie wir durch Sprache manipuliert werden; telepolis, 31.03.2016 – URL: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47828/1.html
Buch: Stephan Hebel, Dieter Baumann: Gute-Macht-Geschichten – Politische Propaganda und wie wir sie durchschauen können (Westend-Verlag, März 2016), 192 S., 16,00 Euro, ISBN-13: 9783864891267

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