Analyse: Unterrichtsmaterial zur Eurokrise extrem einseitig


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14. August 2015, 19:49 Uhr

Eurokrise in der Schule

Kinder, die Griechen sind selbst schuld

Von Bernd Kramer

In Schulbüchern kommt die Eurokrise kaum vor. Umso umtriebiger versuchen private Initiativen ihr Unterrichtsmaterial in die Klassen zu bekommen. Eine Auswertung zeigt nun: Die darin vermittelte ökonomische Sichtweise ist extrem einseitig.

Was ist da los in Griechenland? Die Schuldenkrise beherrscht die Schlagzeilen, auch in dieser Woche, und sie ist nicht immer leicht zu verstehen. Viele Wirtschaft- oder Sozialkundelehrer dürften sich schwer damit tun, die Eurokrise zum Unterrichtsthema zu machen. In Schulbüchern stehen nämlich kaum Informationen zu Hilfspaketen, Rettungsgipfeln und Schuldenschnitt-Debatten.

Wie gut, dass es im Internet passendes Lehrmaterial gibt. „Die Ursachen der Euro-Schuldenkrise“, heißt zum Beispiel ein Hintergrundtext, der sich auf der Seite „Wirtschaft und Schule“ findet.

Was zur Krise geführt hat, ist für die Autoren recht eindeutig: Es waren unter anderem die hohen Gehälter in Südeuropa. „In Deutschland etwa fielen die Lohnerhöhungen in den vergangenen Jahren relativ bescheiden aus, Griechen und Spanier konnten sich dagegen über ordentliche Verdienstanstiege freuen“, heißt es in der Unterrichtshilfe.

Es steht dort wie die einzig wahre und unumstößliche Interpretation, dabei diskutieren Ökonomen durchaus kontrovers über das Thema. Für manche liegt die Krisenursache nicht in Südeuropa, sondern eher in Deutschland: Hätten Arbeitnehmer auch hierzulande in den vergangenen Jahren mehr Lohn bekommen, stünden Spanien und Griechenland heute vielleicht besser da, weil Deutschlands Wettbewerbsvorteil geringer wäre. Doch von solchen Argumenten erfahren Schüler und Lehrer nichts. Kein Wunder: Herausgegeben wird das Material vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Der Sozialökonom Till van Treeck von der Uni Duisburg-Essen und sein Mitautor Philipp Kortendiek haben Unterrichtshilfen zur Eurokrise ausgewertet und kommen zu einem ernüchternden Fazit: Die Krise wird in vielen Fällen einseitig dargestellt, schreiben sie in einer Expertise, die SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt. Dem IW-Material attestieren die Autoren „eine klare neoklassische Ausrichtung“ – also eine Schlagseite zugunsten marktfreundlicher und unternehmensnaher Lösungsansätze. Als ähnlich einseitig empfanden die Duisburger auch eine Broschüre des Schulbuchverlages Schroedel zur Eurokrise und Materialien aus der Reihe „Handelsblatt macht Schule“, die von der Wirtschaftszeitung herausgegeben wird.

„Lobby, die das Material in die Schulen drückt“

Zu allen erdenklichen Themen ist eine Fülle an Unterrichtsmaterial im Umlauf. Im Jahr 2012 gab es nach Recherchen von Augsburger Forschern 882.540 kostenlose Arbeitsblätter im Netz; 16 der 20 umsatzstärksten Unternehmen gaben demnach Reihen für die Schule heraus. Wie oft sie verwendet werden, ist unbekannt. Doch gerade bei aktuellen Themen wie der Eurokrise, die es noch nicht in die Schulbücher geschafft haben, haben private Interessengruppen ein leichtes Spiel, befürchtet van Treeck. „Es gibt eine Lobby, die mit richtig viel Geld dieses Material in die Schulen drückt.“

Besonders erschrocken hat den Forscher allerdings, dass die staatliche Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) ebenfalls einseitiges Material streut; sie ist eine wichtige Anlaufstelle für Sozialkundelehrer und steht im Ruf, neutral und unverdächtig zu sein. Doch auch eine aktuelle Broschüre der Bundeszentrale verteidige die umstrittene Austeritätspolitik, mit der die Schuldenstaaten auf Sparkurs gebracht werden, als unverzichtbar. „Dem Text mangelt es unübersehbar an Pluralismus in Bezug auf makroökonomische Konzepte“, heißt es in dem Gutachten der Forscher.

Zwar gebe es durchaus ausgewogenes Material bei der Bundeszentrale; die Broschüre war allerdings Teil der wichtigsten Publikation des Hauses – sie lag den „Informationen zur politischen Bildung“ bei, jenen schwarzen Heften, von denen Lehrer oft ganze Klassensätze bestellen. „So etwas darf nicht passieren“, findet van Treeck.

Subtile Einseitigkeit

Der Grundsatz, wonach bei gesellschaftlich umstrittenen Fragen auch im Unterricht verschiedene Positionen dargestellt werden sollen, wird in vielen Materialien unterlaufen. Oft subtil.

Die Broschüre der Bundeszentrale für politische Bildung etwa scheint auf den ersten Blick durchaus Argumente für und gegen die harten Sparauflagen zu diskutieren. Die Sparauflagen hätten „weitreichende soziale Auswirkungen“ gehabt und die „politische Stabilität“ der Krisenländer „auf eine harte Probe gestellt“, heißt es in der Publikation „Euro am Scheideweg?“.

Forscher van Treeck bezeichnet das allerdings als Scheinkontroversität. „Die Gegenargumente zielen allein auf die sozialen Auswirkungen der Sparpolitik“, sagt er. „Dass es auch ökonomische Gegenargumente gibt, wird nicht erörtert.“ So bleibe der Eindruck, der Austeritätskurs sei zwar unschön, aber alternativlos.

Die Duisburger Forscher haben sich zum Vergleich angesehen, wie die Eurokrise an französischen Schulen dargestellt wird. Jenseits des Rheins stellt, anders als in Deutschland, das Schulministerium zentral Unterrichtshilfen zur Eurokrise bereit; und die sind aus Sicht der Duisburger Forscher mindestens genauso einseitig – nur für die Gegenposition: In dem empfohlenen Material im Nachbarland wird die Austeritätspolitik durchweg kritisiert.

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Viele Grüße

Elke Schenk

globalcrisis/globalchange NEWS

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