Söldner des Journalismus – Thomas Rothschild 19.09.2009


Thomas Rothschild

19.09.2009 | 12:00 19

Söldner des Journalismus

Journalismus Viele Journalisten können sich vorstellen, notfalls auch in die PR-Arbeit zu wechseln. Was bedeutet das für Demokratie und Aufklärung?

Kennt man eigentlich die Zahl jener Journalisten, die von sich aus, also nicht erzwungen, ihren Beruf aufgaben, als die deutsche Presse gleichgeschaltet wurde? Waren alle übrigen überzeugte Nazis geworden? Oder waren sie „bloß“ Opportunisten, die in Kauf nahmen, was man ihnen von nun an abverlangte, um zu „überleben“?
Bei einer Umfrage unter deutschen Journalisten gaben kürzlich 46 Prozent an, dass sie sich einen Wechsel in die PR-Branche vorstellen könnten. Fast die Hälfte derer also, die angetreten waren, die Wirklichkeit wahrheitsgetreu zu beschreiben, kritisch zu kommentieren, verborgene Wahrheiten an den Tag zu bringen und Öffentlichkeit herzustellen, die eine objektive Meinungsbildung erleichtert, sind bereit, sich zu Söldnern von partikulären Interessen machen zu lassen. (…)

Journalisten am Fließband

Vielleicht ist es zu viel verlangt, wenn man erwartet, dass jemand Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg in Kauf nimmt. Vielleicht kann man es sogar menschlich verstehen, wenn einzelne Journalisten glaubten, in der nationalsozialistischen Presse mit Anstand überleben zu können. Vielleicht sind Journalisten nicht anders zu bewerten als Arbeiter, die am Fließband blieben, als dort Waffen hergestellt wurden, als Juristen, die weiterhin zu Gericht gingen, als dort Unrecht gesprochen wurde. Aber dann sollte man wenigstens eingestehen, dass es nicht weit her ist mit der journalistischen Ethik. Der Söldner wird bezahlt. Wofür – danach fragt er nicht. (…)

***

Auf Thomas Rothschild antwortet der historisch gebildete Leserbriefschreiber Achtermann:
„Diesmal möchte ich Rothschild ergänzen, weils noch schlimmer ist wie beschrieben.

Fast täglich sehe ich real das Sinnbild der deutschen Demokratie: das Hambacher Schloss. 1832 brachten die Repressionsmaßnahmen der bayerischen Verwaltung wie keine politische Versammlungsfreiheit und strenge Zensur 30.000 Menschen zum Protest zusammen. Philipp Jakob Siebenpfeiffer, einer der Initiatoren und Hauptredner des Widerstands, Herausgeber der Zeitschrift ‚Rheinbayern’, hatte sich zu einem journalistischen Grundgedanken verpflichtet, der jeder Ausgabe als Leitmotiv vorangestellt wurde: „Die Aufgab’ ist, Stoff zu bieten, nicht zum Lesen, sondern zum Denken.“

Prangte heute dieser Leitsatz über dem Titel irgendeiner Zeitung, wäre das angesichts des darin gebotenen Stoffes eher peinlich, weil dieser Anspruch heute desavouiert ist. Karl Kraus, der Kritiker veröffentlichter Gedanken, der in der Lage war, die Vorurteile, die Journalisten mit ihren Texten ungewollt publizierten, hervorzuholen und gesellschaftspolitisch einzuordnen, wüsste heutzutage gar nicht mehr, mit welchem Zynismus dem Zynismus der Journalisten zu begegnen wäre, da die Grenzen zwischen Information und Unterhaltung nicht mehr existieren.“ (…)
https://www.freitag.de/autoren/thomas-rothschild/soldner-des-journalismus

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