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Aufstieg Eurasiens, Ende der US-Dominanz im Bildungsbereich
Kai Kleinwächter
Telepolis, 03.07.2014
Das akademische Bildungssystem in Deutschland gewinnt an Umfang und Internationalität. Die zukünftigen außenpolitischen Eliten werden in sich heterogener und eurasischer geprägt sein
Mit der Veränderung des deutschen Bildungssystems wandelt sich auch die Prägung der zukünftigen außenpolitischen Eliten. Die seit Ende der 1990er Jahre erfolgte deutliche Expansion bei Zunahme Internationalität beendet die Dominanz der USA im akademischen Bildungsbereich. Zukünftige Eliten sind stärker eurasisch ausgerichtet. Damit geht auch die einseitige Orientierung auf die USA zurück.
Ziele, Strategien sowie die Wahl der Mittel staatlicher Außenpolitik basieren wesentlich auf den Werten und Denkmodellen der nationalen Eliten. Zentral für die Herausbildung sind dabei die Prägungen durch das akademische Bildungssystem. Fundamentale Verschiebungen in diesem zeigen entsprechend langfristige Veränderungen der Außenpolitik an. Derzeit unterliegt das Bildungssystem Deutschlands zwei zentralen Veränderungen – Eine deutliche Ausweitung der akademischen Bildung geht mit einer zunehmenden Internationalisierung einher.
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Aufstieg Eurasiens
Die statistischen Daten haben eine klare Aussage. Die umfassende US-amerikanische Prägung deutscher Eliten über das Bildungssystem der Nachkriegsjahrzehnte geht spätestens seit den 1990er Jahre kontinuierlich zurück. Die USA konnten weder von der gestiegenen Anzahl der Studenten mit Auslandserfahrung noch vom Ausbau der Bildungs- und Forschungskapazitäten profitieren. Im Gegenteil sinken die Anteile und teilweise auch die absoluten Zahlen beständig. Gleichzeitig dominieren seit fast über einer Dekade die Mitgliedsstaaten der EU mit über 70 Prozent als Zielland deutscher und mit 40 bis 50 Prozent als Herkunftsland ausländischer Studenten. Ebenfalls gewinnen aufstrebende Länder wie die Türkei, China, Indien und Russland an Bedeutung.
Hintergrund ist vor allem die Relativierung der Sonderstellungen der USA in Bezug auf die Offenheit ihrer eigenen Gesellschaft gegenüber europäischen Leistungsträgern. Die Harmonisierung der Bildungssysteme, gegenseitige Anerkennungen von Bildungsabschlüssen sowie umfassende Förderprogramme innerhalb der EU/EFTA zeigen hier deutliche Wirkung. Es entsteht ein europäischer Bildungsraum.
Interessanterweise zeigen sich ähnliche Entwicklungen auch in Ostasien. Das sonst eher verschlossenen Japan etabliert sich zunehmend als ein zentrales Zielland für die neuen Eliten Südostasiens. Bisher spielen sich solche Entwicklungen nur in den Randgebieten des Superkontinentes Eurasien ab. Mit dem Aufstieg der neuen Schwellenländer dürfte sich dieser Prozess auch in den inneren Gebieten manifestieren.
Diese Öffnung der ehemals verschlossenen Nationalstaaten gegenüber ausländischen Eliten stellt keine zufällige Entwicklung dar. Gerade Deutschland trieb diesen Prozess offensiv voran. So beschlossen Bund und Länder letztes Jahr, im Rahmen der Strategie zur Internationalisierung der Hochschulen[9], bis 2020 die Anzahl der ausländischen Studierenden auf 350.000 zu erhöhen.
Ziel ist nicht nur, den befürchteten demographisch bedingten Rückgang der Fachkräfte zumindest abzuschwächen und die eigenen zukünftigen (Wirtschafts-)Eliten besser auf eine globalisierte Welt vorzubereiten. Darüber hinaus versucht Deutschland nun seinerseits, über das Bildungssystem ausländische Eliten zu Gunsten nationaler Interessen zu prägen. Dabei betrachtet es die USA zunehmend als Konkurrent. Die Netzwerke der Eliten-Bildung in Deutschland folgen damit der ökonomisch-politischen Relativierung der USA beim Aufstieg Eurasiens.
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Volltext siehe pdf-Anhang und URL: http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/42/42134/1.html
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