Zum Tod des politischen Ökonomen Herbert Schui (1940-2016)

Jasminrevolution

herbert-schui Herbert Schui (1940-2016)

Theodor Marloth

Am 15.August wurde sein Tod bekannt: Herbert Schui war Ökonomie-Professor und einer der bekanntesten Kämpfer gegen den Neoliberalismus in Deutschland. Als Mitgründer der WASG verließ er die SPD und zog für die Linkspartei in den Bundestag ein, wo er gegen die neoliberale Entwürdigung des Menschen durch FDP, Union, Grüne und New-Labour-SPD kämpfte. Sein Tod reißt eine Lücke in die linke politische Szene: Schui war 1975 Mitbegründer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Herbert Schui zu Armut und Menschenwürde

Wer Armut anderer Leute empörend findet, kann für sich in Anspruch nehmen, ein moralischer Mensch zu sein. Aber wenn Moral da stehen bleibt, wo sie eine Art Kritik ist, „welche die Gegenwart zu be- oder verurteilen, aber nicht zu begreifen vermag“, wird sie eher ein Motiv sein, der Armut mit Almosen zu begegnen. Erst das Begreifen öffnet den Weg dahin, über…

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BDA interveniert gegen Bundeszentrale für politische Bildung wegen Aufklärung über „Ökonomie und Gesellschaft“

Hinweis der „Nachdenkseiten“

https://wap.igmetall.de/streit-um-wirtschaft-in-der-schule-11077.htm

Streit um Wirtschaft in der Schule

Skandal – Arbeitgeber machen Druck auf Bundeszentrale für politische Bildung

22.10.2015 Ι Das hat es in dieser Form bei der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) noch nicht gegeben. Im Februar 2015 erschien dort ein Sammelband zur sozioökonomischen Bildung. Dieser missfiel den Arbeitgebern so sehr, dass sie den Präsidenten der Bundeszentrale in einem Brief aufforderten, den Band „in dieser Form nicht weiter zu vertreiben“. Für Hans-Jürgen Urban, für Bildungspolitik verantwortliches Vorstandsmitglied der IG Metall, ist das ein Skandal: „Es darf nicht sein, dass Arbeitgeberverbände mit ihrer Lobbymacht unbequeme wirtschaftliche Theorien aus schulischer Bildung, Lehrerfortbildung und Unterrichtsmaterialien verbannen.“

In zwei Schritten wird WAP sich mit diesem Vorgang befassen. Heute werden die Hintergründe dargestellt, soweit sie sich für Außenstehende erschließen. In wenigen Tagen wird ein Interview mit Bettina Zurstrassen folgen, in dem sie die Einflussnahme der Wirtschaft auf den Unterricht in der Schule darstellen wird.

Was ist geschehen?

Es geht um einen Sammelband in der Reihe „Themen und Materialien“ der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Der Band heißt „Ökonomie und Gesellschaft“ und enthält zwölf von unterschiedlichen Autoren geschriebene „Bausteine für die schulische und außerschulische politische Bildung“ Der Band wurde von der bpb in Auftrag gegeben und im Februar 2015 veröffentlicht.

Am 5. Juni 2015 bat Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), in einem Schreiben die bpb dringend darum, das Buch nicht weiter zu vertreiben. Die Publikation enthalte, so Clever, „ideologische“ und „voreingenommene Anschuldigungen“ hinsichtlich der Öffnung von Schulen für Unternehmen und des zunehmenden Lobbyismus an Schulen.

[…] Das Bundesinnenministerium als vorgesetzte Behörde der bpb hat umgehend und ohne Prüfung der Vorwürfe ein Vertriebsverbot ausgesprochen. […] Zeitgleich wurde der wissenschaftliche Beirat der Bundeszentrale gebeten, sich des Vorgangs anzunehmen. Die Ergebnisse dieser Beratungen sind noch nicht bekannt.

Die Angelegenheit hat zwei Dimensionen. Erstens ist sie ein selten in dieser Offenheit zu beobachtender Fall von Lobbyismus. Zweitens zeigt sich hieran, in welcher Schärfe mittlerweile entlang des Faches Wirtschaft und der Inhalte von sozioökonomischer Bildung „um die Köpfe der SchülerInnen gerungen wird“. Eines ist klar: Schule hat eine wichtige Bildungs- und Sozialisationsfunktion. Dabei sind nicht unwichtig, welche Theorien zur Erklärung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Zusammenhänge herangezogen, ob Kontroversen sichtbar und SchülerInnen zu eigenem Urteil befähigt werden.

Heute wird an Schulen oft ein sehr einseitiger und an den Modellen der Betriebswirtschaftslehre ausgerichteter Wirtschaftsunterricht erteilt. Das Leitbild ist der „homo oeconomicus“, der wirtschaftsrational und nutzenorientiert handelnde egoistische Mensch. Vertreterinnen und Vertreter der sozioökonomischen Bildung kritisieren diesen Ansatz. Mit ihm lassen sich soziale und gesellschaftliche, selbst wirtschaftliche Zusammenhänge nicht umfassend erklären. Sie taugen nur bedingt als gesellschaftliches Orientierungswissen für junge Menschen. Deshalb müssten auch alternative wirtschaftstheoretische Ansätze im Unterricht aufgegriffen werden. Das geschieht nur unzureichend.

Der inzwischen nicht mehr vertriebene Band setzt an dieser Debatte an. Bettina Zurstrassen, die den Band bearbeitet hat, schreibt im Einleitungsbeitrag dazu: „Aufgrund der Finanz- und Wirtschaftskrise(n) seit 2007 wird intensiv über das Erklärungspotenzial der Wirtschaftswissenschaften nachgedacht. Kritisch hinterfragt wird, ob und inwieweit die inzwischen hochspezialisierten mathematisch ausgerichteten Wissenschaften die sozialen Hintergründe der ökonomischen Entwicklung adäquat zu erfassen, zu erklären und sogar zu prognostizieren vermögen. Zumindest heterodoxe Ökonominnen und Ökonomen kritisieren den mangelnden paradigmatischen und forschungsmethodischen Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften.“

Über dieses Problem wird in der Volkswirtschaftslehre mittlerweile intensiv diskutiert. Zurstrassen stellt daher die Frage: „Welche Relevanz hat diese (selbst-)kritische Reflexion der Wirtschaftswissenschaften für schulische Unterrichts- und Lehr-/Lernprozesse über soziale Wirklichkeiten der ökonomischen Entwicklung? Welche Herausforderungen ergeben sich daraus für eine politisch-ökonomische bzw. sozioökonomische Bildung, die die Forderungen nach Mehrperspektivität und wirtschaftstheoretischem und forschungsmethodischem Pluralismus im Unterricht zu berücksichtigen versucht?“

[…]

Inzwischen hat der Konflikt weitere Dimensionen. Es ist zu vernehmen, dass das Innenministerium als der bpb übergeordnete Behörde das Konzept der sozioökonomischen Bildung grundsätzlich infrage stellt und seine Verbreitung durch die bpb ablehnt. […]

Die Debatte um die Deutungsmächtigkeit der verschiedenen Wissenschaften muss dringend geführt werden. Bezogen auf die allgemeinbildenden und berufsbildenden? Schulen und ihren Bildungsauftrag hat der DGB mit seinen Mitgliedsgewerkschaften 2012 einen Beschluss herbeigeführt, der sich eindeutig für einen sozioökonomischen Ansatz ausspricht, weil dieser am ehesten den Anforderungen des Beutelsbacher Konsenses gerecht werden kann (siehe Anlage).

Die zensierte Ausgabe gibt es hier:

https://wap.igmetall.de/wirtschaft-und-gesellschaft-10969.htm

Das DGB-Positionspapier gibt es hier:

https://wap.igmetall.de/docs_DGB_Positionspapier_201eWirtschaft_in_der_Schule_Was_sollen_unsere_Kinde…_f994170e04b385de568329d0ac683011da3de459.pdf

Anmerkung E.S.

Mit dem Bildungsplan 2016 wird in Baden-Württemberg das Fach „Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung“ eingeführt – das Stundenvolumen von Gemeinschaftskunde wird gekürzt. Obwohl „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ zu den Leitprinzipien des neuen Bildungsplanes gehört, wird das dazu gehörende Kernfach Geografie ebenfalls in den Stundentafeln gekürzt.

Viele Grüße

Elke Schenk

globalcrisis/globalchange NEWS