Wie zeigt sich die Nuit-Debout Bewegung ?

globalcrisis/globalchange News
Stephan Best, Martin Zeis, 25.04.2016

Liebe Leute,

in den letzten Tage erreichten uns einige Zuschriften zu unseren Nuit-Debout Postings, die uns

a.) auf Nuit-Debout-kritische Texte http://www.voltairenet.org/article191222.html + http://www.voltairenet.org/article191416.html ) hinwiesen oder

b.) die Auffassung vertraten, politisches Agieren reiche nicht mehr aus, gegenüber dem Neoliberalismus sei zu viel Terrain verloren gegangen, wir bräuchten eine mächtige wirtschaftliche Opposition (Beispiele:
Seniorengenossenschaft Riedlingen; Genossenschaft Mondragen), die im Hier und Jetzt gelebt wird.

Dazu eine Anmerkung:

Uns geht es im Falle Nuit-Debout darum, möglichst genau wahrzunehmen, was vor sich geht, wer diese Bewegung trägt, welche Anliegen vorgetragen werden, wie sich die Bewegung selbst versteht und organisiert, wie die Bewegung in die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, die Medien ausstrahlt.

Deshalb haben wir auf unseren deutschsprachigen und der englischen Mailingliste seit dem 13.04.2016 einige Texte, Dokumente, Reportagen, Hintergrundartikel – zuletzt den Internationalen Aufruf von Nuit-Debout zu einem Tag der Aktion am 15. Mai 2016 und zu einem internationalen Treffen der Bewegungen am 7./.8. Mai 2016 in Paris – gepostet.*

Ergänzend hat Stephan Best eine 54-seitige Dokumentation – v.a. von Tweets – zusammengestellt. Einführend schreibt er:

„Die folgenden Bilder und Texte entstammen den Internetauftritten von NuitDebout Frankreich und anderer Initiativen, internationalen Aufrufen zu der gleichen Bewegung des Zeitraums Ende März bis Mitte April. Sowohl auf Facebook als auch vor allem auf Twitter zeigt sich die Buntheit und Vielfalt der noch jungen Bewegung. Deutlich zeichnet sich das Bemühen ab zunächst mobilisierend zu wirken, sich keinen etablierten Strömungen oder gar Parteien unterzuordnen. Mittlerweile breitet sich diese Bewegung von Pariser Plätzen über andere französische Städte bis hin zu Orten auf der ganzen, meist westlichen Welt aus. Spürbar wird auch der Versuch Ideen und Forderungen der Lohnabhängigen mit denen anderer Milieus (Studierende, Rentner, Konsumenten, Migranten, Gender, etc. im Sinne der Konvergenz der Kämpfe) zu sammeln und zu thematisieren. Die meisten Forderungen sprechen für sich! Die Organisations- und Aktionsformen erinnern an bekannte Vorbilder des World Social Forum, der globalisierungskritischen Bewegung und anderer, ursprünglich basisorientierter Initiativen.“

Die Dokumentation (pdf-Format) ist über den Link: Doku NuitDebout GC NEWS1 verfüg- und downloadbar.

* Links
http://www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change
https://www.facebook.com/Echte-Demokratie-jetzt-210471548985466/?fref=nf
https://www.facebook.com/OccupyWien/?fref=photo
www.bento.de/politik/frankreich-was-wollen-die-jungen-demonstranten-der-bewegung-nuit-debout-496609/#refsponi
http://newsjunkiepost.com/2016/04/14/nuit-debout-dawn-of-a-revolution
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/47/47972/1.html
https://web.facebook.com/events/257665001247766

Bernhard SCHMID: Frankreich: „Nuit debout“-Proteste, eine neue Opposition?; TP 16.04.2016

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 16.04.2016

Hallo zusammen,

im Folgenden ein Auszug aus dem Bericht von Bernhard Schmidt* zur NUIT-Debout-Bewegung in Frankreich. Zur derzeitgen sozialen Zusammensetzung der Bewegung und deren (gewünschter) Erweiterung schreibt er:

„.. Manche bürgerlichen Medien versuchen der Protestbewegung zu schaden, indem sie diese als eine Angelegenheit von Mittelschichtsangehörigen, Yuppies und Intellektuellen behandeln, und gegenüber der lohnabhängigen Bevölkerung eher als eine Art Luxushobby darstellen.

Die convergence des luttes, also das Zusammengehen der Kämpfe in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, wird unterdessen von vielen Rednerinnen und Rednern am offenen Mikrophon der Platzbesetzerbewegung immer wieder beschworen. Der linke Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Lordon, einer der prominenten Köpfe in einer Bewegung, die keine Chefs haben möchte, beschwor die Versammelten schon in den ersten Tagen, auf diverse andere soziale Milieus zuzugehen, um die Bewegung tunlichst zu verbreitern.

Ein stärkerer Brückenschlag als bislang auch zu den Gewerkschaften und Lohnabhängigen sei nötig, betonen viele. Vielen abhängig Beschäftigten ist es de facto relativ schwierig, an allen Ereignissen teilzunehmen, wenn die einzelnen Kommissionen der Platzbesetzung – „Aktion“, „Kommunikation“, „internationale Kontakte“, „Logistik“ und andere – schon inmitten des Nachmittags zu arbeiten beginnen und danach die Vollversammlungen bis Mitternacht dauern.

Deswegen setzt sich die Mehrzahl der Teilnehmenden tatsächlich aus Studierenden, prekär Beschäftigten sowie Intellektuellen zusammen; ihre Erfahrungshintergründe, sofern sie zuvor gesellschaftlich engagiert waren, bringen sie oft aus der Ökologie- und Anti-Atomkraft-Bewegung mit oder aber aus der Migranten-Solidarität und dem antirassistischen Spektrum.

Mohammed ist etwa Mathematiklehrer, Stéphane ist Jurastudent und will sich auf Arbeitsrecht zur Verteidigung der Beschäftigten spezialisieren. Dennoch finden sich auch gewerkschaftlich aktive abhängig Beschäftigte. Zu ihnen gesellen sich auf dem Pariser Platz Hunderte der intermittents du spectacle genannten Prekären der Kulturindustrie, die in Frankreich nicht festangestellt werden, aber in auftrittslosen Zeiten Ansprüche auf Überbrückungsgelder aus einer gesonderten Arbeitslosenkasse haben. …“

— der gesamte Text ist im Anhang verfügbar und über URL: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47972/1.html

* Bernhard Schmid (1971) studierte Jura in Köln und Paris und verfügt über ein abgeschlossenes Jurastudium mit Promotion. Er lebt seit Mitte der 1990er Jahre in Paris und arbeitet als Jurist für die Gewerkschaft CGT sowie eine antirassistischen Organisation. Neben seinem Beruf ist er als freier Journalist tätig und hat mehrere Bücher verfasst. Beim Unrast-Verlag, Münster, erschienen bisher vier Sachbücher, »Algerien – Frontstaat im globalen Krieg?«, »Das koloniale Algerien«, »Der Krieg und die Kritiker« und »Frankreich in Afrika. Eine Neokolonialmacht in Europa im 21. Jahrhundert«. Bei der edition assemblage, Münster, erschienen die beiden Sachbücher »Die arabische Revolution? Soziale Elemente und Jugendprotest in den nordafrikanischen Revolten« und »Distanzieren, leugnen, drohen – Die europäische extreme Rechte nach Oslo« veröffentlicht. Bernhard Schmid konzentriert sich auf die Themengebiete extreme Rechte in Frankreich und Europa, Algerien und französischsprachiges Afrika sowie Gewerkschaften und soziale Bewegungen in Frankreich. zit. a. https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_Schmid_(Autor)

SCHMID-Bernhard-NUIT-Debout-Proteste-Bericht160416.pdf

INTERNATIONALER AUFRUF VON #NUITDEBOUT (mit Attachment)

Globalcrisis/globalchange NEWS
Stephan Best 20.04.2016

Guten Morgen an die Listen!
Betreff: INTERNATIONALER AUFRUF VON #NUITDEBOUT
Andreas Grünwald postet die folgende Übersetzung auf FB, die sich dort viral verbreitet:
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INTERNATIONALER AUFRUF VON #NUITDEBOUT
(Übersetzung ins Deutsche)

WIR RUFEN AUF ZU EINEM #GLOBALDEBOUT TAG DER AKTION AM 15. MAI 2016.

Hinweis: In Hamburg hat es schon begonnen:

https://web.facebook.com/events/257665001247766/

Wir rufen alle Bewegungen in der ganzen Welt auf, für Gerechtigkeit und echte Demokratie am Wochenende vom 15. Mai, für ein #GLOBALDEBOUT 2016 zu mobilisieren.

Wir laden Euch ein am 7. Und 8. Mai für ein internationales Treffen der Bewegungen nach Paris an den Place de la Republik zu kommen.

Heute #46mars (15. April) sind nur zwei Wochen vergangen, nachdem eine Million Menschen in Paris auf die Straße gegangen sind und die Bewegung Nuit Debout wächst weiter. In zahlreichen französischen und weiteren Städten weltweit ist #Nuitdebout (Nacht auf den Beinen) ein Licht in der Dunkelheit, sie ist ein Zeugnis für unsere Hoffnungen, unsere Träume und unsere gemeinsame Rebellion. Diejenigen, die die Plätze in der Vergangenheit eingenommen haben und diejenigen, die sie HEUTE einnehmen: wir wissen, dass etwas geschieht.

Der Kampf für eine bessere Welt ist GLOBAL und ohne Grenzen, lasst uns gemeinsam einen globalen Frühling des Widerstands aufbauen! Schließt Euch uns am 7. und 8. Mai in Paris am Place de Republique an, um zu diskutieren, um unsere Erfahrungen zu teilen und zu beginnen zusammen gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Dort werden wir für ein internationales Wochenende der Aktion am 15. Mai (# 76mars) Strategien entwickeln. An diesem Tag werden wir überall auf der Welt mobilisieren, Plätze besetzen und uns erheben.

Nuit Debout‘s oberstes Ziel ist es, einen Raum für einen „Gemeinsamen Widerstand“ zu schaffen. Wir hoffen, dass dieser Zusammenschluss über die Grenzen von Frankreich hinausgehen und sich weltweit verbreiten wird. Es gibt zahlreiche Verbindungen zwischen den verschiedenen sozialen Bewegungen in allen vier Ecken dieser Welt; von der Arbeitslosigkeit bis zu den Belastungen durch die Finanzmärkte, von der Zerstörung der Umwelt bis zu den Kriegen und nicht akzeptable Ungleichheit in der Welt.

Als Antwort auf ein System, basierend auf den Wettbewerb und Individualismus, antworten wir mit Solidarität, direkter Demokratie und kollektivem Handeln. Unsere Unterschiede trennen uns nicht sondern sind unsere Stärke, da sie uns ergänzen in unserem Streben. Wir werden weder angehört noch werden wir vertreten von dem derzeitigen Welt-Wirtschaftssystem.

Gemeinsam werden wir die öffentlichen Plätze und die Politik wieder zurückerobern, denn die Politik eine Sache von uns allen. Jetzt ist nicht der Moment um aufzugeben, sondern um gemeinsam für Veränderungen zu kämpfen!

Wir sind die 99% und wir sind hier, um die wirtschaftlichen- und politischen Regel der 1% aus unserer Welt hinaus zu verwerfen. Wir sind hier, um uns unsere Städte, unsere Arbeitsplätze und unsere Leben zurück zu holen.

Am 7. und 8. Mai, kommen wir zusammen nach Paris, an den Platz der Republik!
Am Tag des 15. Mai werden wir uns gemeinsam erheben für einen weltweiten Tag der Aktion.
#NuitDebout Überall!
#GlobalDebout!

Hervorhebungen StB
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ciao Stephan

Stephan Best
mail steven25.com
+49 178 170 56 71

NUIT_GLOBAL-DEBOUT-Internationaler-Aufruf160420.pdf

Gilbert MERCIER, Dady CHERY: “Nuit Debout”: Dawn of a French Style Revolution?; News Junkie Post, 14.04.2016

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 17.04.2016

http://newsjunkiepost.com/2016/04/14/nuit-debout-dawn-of-a-revolution
via http://www.globalresearch.ca/nuit-debout-dawn-of-a-french-style-color-revolution/5520505

“Nuit Debout”: Dawn of a French Style Revolution?
By Gilbert Mercier and Dady Chery*
News Junkie Post
April 14, 2016
— E x t r a c t —
Some call it a phenomenon, others compare it to the failed 2011 Occupy movement, but Nuit Debout has taken the largely discredited French political class, from across the bogus standard left to the far right, by surprise. Sociologically, it should not be a surprise at all. The backdrop is a sense of deep social malaise, a ras le bol et envie de redevenir vivant (a spillover and wish to be alive again). France, as a society, has been morose and depressed for decades, and the state of emergency imposed in a cowardly panicky haste by François Hollande’s administration since November 2015 has turned the country into a pressure cooker. (…)
… Most of the mainstream media in France and elsewhere are drawing an analogy between Nuit Debout and the Occupy movement of late 2011, as well as the Indignados actions in Spain. This is certainly not a coincidence, considering that Occupy largely fizzled and failed for lack of organization and radicalization, just like the Arab spring in the Middle East was hijacked by the West, under United States leadership, to implement regime change policies through fake revolutions in Libya and Syria. The Occupy movement was infiltrated by informants, neutered and more or less dismantled between early December 2011 and late spring 2012 under the instigation of George Soros’ countless little helpers who were paid to hijack the movement. If the Nuit Debout activists follow the tracks of their predecessors of Occupy, the outcome will be the same.

Since 2011, however, throughout the world some elements have greatly changed: the connection between the political class and citizens has reached a breaking point; the notion of elections being a farce has become widespread; wealth concentration and social inequality have reached an unprecedented and unsustainable level; and conflicts and the business of warfare have reached an apex. These factors are fertile ground for the collective quantum leap that is a revolution. As an indication of this shift, a Nuit Debout activist interviewed by the French daily newspaper Liberation said that the movement should consider “a more muscular struggle.”

The mainstream analyses do not take into account the fact that France has a revolutionary tradition. The last revolution that bore fruit was in May 1968 and is probably the greatest influence on Nuit Debout. The May 1968 movement started with students and young people, but it quickly expanded to include all the labor unions, which were then very strong. It grew into an open-ended general strike that froze all activities in the country in all sectors of the economy and eventually led to the resignation of President Charles de Gaulle in April 1969 and extensive government reforms. It is May 1968′s humorous and irreverent discourse that we find echoed in Nuit Debout’s slogans today. In 1968, for example, we had “Salaires légers, chars lourds” (Light salaries, heavy tanks), and in 2016 we find “Ils ont des milliards, nous sommes des millions” (They have billions, we are millions). Both movements question the essence of political representation as if all social issues are again up for debate in the public square. Just as in 1968, the labor unions are quickly stepping in and joining the students, and like the activists of the May 1968 movement, the Nuit Debout activists are hunkering down for what they call une lutte prolongée (a prolonged struggled).

Nuit Debout envisions an era of social justice and ecological responsibility. This is expressed with humor by a suspension of the calendar, as if the month of March will continue until the revolution is achieved. In the Nuit Debout calendar, this article would be published on March 45, and Christmas will fall on March 300. The Nuit Debout movement exudes a contagious joy, which is a necessary ingredient in the cocktail of every successful revolution. A revolution, after all, must be departure from the status quo. Today’s revolution must displace the suicidal worship of wealth and power to create a joyous culture that is sustainable and celebrates life. The richness of the burgeoning discourse, and the inclusion of cultural elements like cinema and song are good omens for the success of Nuit Debout. On a fine day in March we might again hear an old classic from 1789: “Ah! ça ira, ça ira, ça ira! Les aristocrates à la lanterne….”

* Editor’s Notes: Gilbert Mercier is the author of The Orwellian Empire, and Dady Chery is the author of We Have Dared to Be Free. Photographs one and three by Nicolas Vigier; two and five by Titi Photo; six by Georges; and eight by Thierry Ehrmann.

 

NUIT DEBOUT – einige Stimmen jüngerer Leute aus der Bewegung

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 15.04.2016

Hallo zusammen,

anknüpfend an die vorgestrigen Postings* im Folgenden einige Stimmen jüngerer Leute aus der NUIT-Debout-Bewegung zu ihren Werten. ihrer Wahrnehmung der Bewegung, ihrer Kritik des real existierenden Zustands, ihren Vorstellungen von anderen Formen gesellschaftlicher Organisation und Zusammenlebens.

Aufschlussreich sein dürften die auf den Versammlungen entstehenden „Cahiers de Doléances“, die Beschwerdehefte der Bewegung. Dort kann jede/r „reinschreiben, was er denkt und wünscht. Wir tippen das dann nachher ab und drucken es aus. Denn wir wollen ja, dass von dieser Bewegung etwas für die Nachwelt bleibt.“ – Vanya Chokrollahi, 21, Filmemacher.

– dieser Mailtext ist auch im Anhang verfügbar —

* gc-special-english: Angelique CHRISAFIS: Nuit debout protesters occupy French cities in revolutionary call for change; URL: www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change
* gc-deutsch-Listen: Einige Meldungen zur neuen Bewegung in Frankreich „NuitDebout“ — u.a. Echte Demokratie Jetzt: https://www.facebook.com/Echte-Demokratie-jetzt-210471548985466/?fref=nf – Occupy Vienna mit zahlreichen weiteren Links: https://www.facebook.com/OccupyWien/?fref=photo

Einige Stimmen jüngerer Leute aus der NUIT-Debout-Bewegung
— gesammelt und übersetzt von Lisa LOUIS (1) —

Alys Marchi, 30, Schlangenfrau im Zirkus & Camille, 34, Schauspielerin

Wir haben uns heute Abend bei Nuit Debout verabredet, denn wir haben keine Lust mehr. Man zwingt uns immer irgendwelche Gesetze auf, ohne uns nach unserer Meinung zu fragen – wir leben in einer modernen Diktatur. Eigentlich bestimmt die Finanzwelt doch alles.
Wir waren auch bei dem großen Marsch für die Republik nach den Terrorattacken auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo auf der Straße. Da waren allein in Paris zwei Millionen Menschen zusammengekommen, um zu zeigen, dass Frankreich eine Einheit ist. Genau diese Solidarität sollten wir nutzen, um die Dinge voranzutreiben.
Wir müssen zum Beispiel unser Schulsystem reformieren: Den Franzosen wird von klein auf beigebracht, bloß nicht aus der Reihe zu tanzen. Dabei sollten wir uns eher am nordeuropäischen Modell orientieren, bei dem Kindern mehr Kreativität beigebracht wird.

Bérénice Bédouin, 17, Schülerin

Ich bin ein moderner Hippie und träume von einer besseren Welt. Unsere Gesellschaft ist zu sehr auf Materielles ausgerichtet, darauf, immer mehr zu verdienen. Dabei sollten wir uns mehr um unser inneres Wohlbefinden kümmern.
Ich mache seit einer Woche bei den nächtlichen Treffen von Nuit Debout mit. Die zeigen mir, dass es auch andere Menschen gibt, die sich nach einer Alternative zum aktuellen Lebensstil sehnen. Die auch finden, dass endlich etwas getan werden muss gegen die Veruntreuung von Geldern. Die Panama Papers sind da ja nur das jüngste Beispiel – wir müssen endlich aufwachen!
Wir dürfen nicht warten, bis die Welt Präsidenten hat wie Marine Le Pen vom rechtsextremen Front-National oder den Populisten Donald Trump in den USA.

Marc Haussaire, 32, Gründer

Ich hab die Nase gestrichen voll von der Regierung. Das jüngste Arbeitsgesetz ist wirklich nur die Kirsche auf dem Kuchen der Ungerechtigkeit. Ich habe einfach keine Lust mehr auf dieses System, in dem man systematisch alles für große Unternehmen tut, aber gleichzeitig die Bedürfnisse der Bürger ignoriert.
Ich verstehe ja, dass die globale Welt heute anders funktioniert – das Leben ist hart und geprägt von weltweiter Konkurrenz. Aber in einer solchen Welt können wir nur bestehen, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Und nicht, wenn die Regierung gegen uns Bürger arbeitet. Wir diskutieren hier in unseren Ausschüssen über Alternativen zur aktuellen Funktionsweise des Staates. Das Ziel ist es, irgendwann konkrete Gesetzesvorschläge zu machen.

Vanya Chokrollahi, 21, Filmemacher

Ich kümmere mich hier mit ein paar anderen Leuten um die „Cahiers de Doléances“, die Beschwerdehefte unserer Bewegung. Jeder kann hier reinschreiben, was er denkt und wünscht. Wir tippen das dann nachher ab und drucken es aus. Denn wir wollen ja, dass von dieser Bewegung etwas für die Nachwelt bleibt.
Da sprechen sich zum Beispiel Menschen gegen das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP aus oder auch gegen den Präsidenten François Hollande – sie wollen ihn absetzen. Manche setzen sich auch dafür ein, dass Flüchtlinge besser vor der Polizei geschützt werden.
Wo die Reise mit Nuit Debout hingehen wird, das weiß ich noch nicht so genau. Aber jetzt geht es erstmal darum, überhaupt die großen Fragen über das Leben und die Gesellschaft zu stellen. Denn nur gemeinsam können wir die Welt verändern – selbst, wenn das etwas länger dauert.

Mathilde Orgogozo, 26, Logopädin

Ich bin seit dem ersten Abend, seit dem 31. März, dabei. Für mich ist diese Bewegung eine echte Gelegenheit: Ich bin Neo-Marxistin und hoffe mit ganzem Herzen auf eine weltweite Revolution. Denn es scheint, auf friedliche Weise kann man die Welt einfach nicht ändern – die Strukturen sind zu festgefahren!
Auf meinem Schild steht „Ich bin Feministin – fragen Sie mich ruhig etwas“. Denn ich finde die heutige Gesellschaft durch und durch sexistisch – und zwar auf oft subtile Weise. Ich nenne das wohlwollendes Patriarchat. Sexistische Rollenvorstellungen werden in nur scheinbar wohlwollenden Ratschlägen ausgedrückt, zum Beispiel, wenn man mir rät, nicht ohne männliche Begleitung zu Nuit Debout zu gehen.
Aber ich will, dass sich auch andere Dinge ändern: Ich arbeite seit drei Jahren als Logopädin und verdiene gerade mal 1500 Euro im Monat – und das bei fünf Jahren Ausbildung! Ich habe gar keine Zeit, mich um die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu kümmern, weil ich kaum über die Runden komme und immer arbeiten muss. Der einzige Ausweg ist da ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle.

Simon, 31, Historiker

Wir müssen aufhören, uns nur über unseren Job und unsere Funktion zu definieren und endlich wieder menschlich werden. Natürlich haben wir als Menschen eine generelle Tendenz zu Hierarchie – das scheint vieles einfacher zu machen. Aber genau dem sollten wir uns entgegen setzen.
Bei uns hier gibt es keine Chefs und Untergebenen, jeder hat die gleichen Rechte. Frankreich als Staat sollte sich daran ein Beispiel nehmen, eine Vielzahl an kleinen Versammlungen sollte das Land regieren. So wie in Zeiten des Mongolenanführers Dschingis Khan, da haben auch Dorfgemeinschaften für sich entschieden. Und bei nationalen Fragen kann man immer noch ein Referendum abhalten.
Wenn Nuit Debout es schafft, ein solches Modell vorzuleben, wird das vielleicht dazu führen, dass andere Länder wie zum Beispiel Deutschland es kopieren.

(1) http://www.bento.de/politik/frankreich-was-wollen-die-jungen-demonstranten-der-bewegung-nuit-debout-496609/#refsponi

gc-NUIT-Debout-statements160415.pdf

Einige Meldungen zur neuen Bewegung in Frankreich „NuitDebout“

globalcrisis/globalchange NEWS
Stephan Best 13.April 2016

Einen Guten Abend an die Listen(n),
Eine neue Bewegung in mehrere Großstädten Frankreichs wird zunehmend auch in deutschen Mainstreammedien zur Kenntnis genommen. Ihre Beurteilung im Netz ist recht unterschiedlich. Am besten ist es anzuhören, welche Ideen und Forderungen die zumeist jungen Leute entwickeln und gegen wen sich ihre Aktionen richten. Vieles erinnert an die Anfänge der Weltsozialforen, der globalisierungskritischen Bewegung, OCCUPY, PODEMOS, Indignados u.ä. . Unten hinein kopiert sind zwei Postings mit weiterführenden Informationen.

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Echte Demokratie jetzt (Facebook) postet:
‪#‎NuitDebout‬: „Hunderte Menschen versammeln sich Nacht für Nacht in Paris, Marseille, Nizza und anderen französischen Städten zu Protestaktionen. Jetzt wird daraus eine landesweite Bewegung. (…) Die Camps werden in den frühen Morgenstunden geräumt, nur um am nächsten Abend neu zu erstehen.

Debattiert werden Arbeitslosigkeit, Armut oder die Misere auf dem Wohnungsmarkt: So politisch die Argumente, so groß das Misstrauen und die Distanz zu den etablierten Parteien.

Premier Manuel Valls versuchte mit einer Reihe von finanziellen Hilfen für Schüler, Studenten und Auszubildende wenigstens einen Teil der Protestbewegung zu besänftigen. Bislang ohne Erfolg. Am Donnerstag wird nun auch Staatschef Hollande endlich Stellung beziehen: In einer TV-Diskussion mit vier handverlesenen Bürgern will der Präsident versuchen, auf die Frustrationen, Ängste und Ärger seiner Landsleute einzugehen.

Die Mobilisierung wird es nicht beeinflussen, eine Ausweitung auf die Vorstädte von Frankreichs Metropolen ist geplant. Auf Twitter läuft bereits die Kampagne: ‪#‎Banlieuesdebout‬.“

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Occupy Vienna postet vorhin:

▶▶▶#Nuitdebout◀◀◀ beendet den europäischen Winter „heart“-Emoticon
Europäische Großmobilisierung für den 15. Mai ?!
Frankreich bleibt wach – Hunderttausende protestieren im Widerstand gegen die verbrecherische, französische Regierungspolitik. Die »Nuit debout«-Bewegung (»Die ganze Nacht wach«), die Ende März entstanden war, hielt am Samstagabend in 120 STÄDTEN (Rennes, Nantes und Toulouse usw.) Kundgebungen ab. In Paris waren es 100.000 Menschen auf der Place de la République, den die Menschen schon in den vergangenen Nächten aus Protest gegen eine geplante ARBEITS-UN-RECHTSREFORM den Pariser Place de la République besetzt (occupiert) hatten.

Am 31. März hatten sich (laut franz. Innenministerium) bereits 390.000 Menschen an den Demonstrationen gegen die Arbeitsrechtsreform beteiligt, am 9. März waren es 224.000. Es werden demnach also wesentlich mehr sein.

DOCH ES IST MEHR ALS SIMPLER PROTEST –> Bekommt jetzt auch Frankreich seine #INDIGNADOS ?
Ähnlich wie in Spanien und bei der Occupy-Bewegung gibt es hier (große) ÖFFENTLICHE VERSAMMLUNGEN, bei denen es zu regen Diskussionen und DIREKTDEMOKRATISCHEN, KONSENSORIENTIERTEN ABSTIMMUNGEN kommt. Wo in Arbeitsgruppen über das Jetzt hinaus verhandelt wird, über RADIKALE DEMOKRATIE, Transnationalismus, über LBTQI*, Antifaschismus und Utopien.
WEITERLESEN (guter Artikel) —> http://www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change

KAMPF DEN PALÄSTEN – FRIEDE DEN HÜTTEN
Seit dem 31. März bleibt Frankreich wach: In Frankreich versammeln sind Arbeiter, Werktätige, Schüler und Studenten seit Wochen auf den Straßen, um gegen das Arbeitsgesetz „El Khomri“ zu protestieren. In dem Gesetzesentwurf ist vorgesehen, dass die 35-STUNDEN-WOCHE AUF 60 STUNDEN ERHÖHT werden soll. Außerdem ist geplant den KÜNDIGUNGSSCHUTZ zu lockern und somit betriebsbedingte ENTLASSUNGEN ZU ERLEICHTERN. — Angeblich soll somit die Arbeitslosigkeit gesenkt werden. wtf ??

Wie dieses Paradoxon, Lockerung des KÜNDIGUNGSSCHUTZES und ERHÖHUNG der WOCHENARBEITSSTUNDEN und gleichzeitig Beseitigung der Arbeitslosigkeit Wirkung zeigen soll bleibt ein Rätsel. Dabei würde gerade die Senkung der Wochenarbeitsstunden und der Schutz vor willkürlichen Kündigungen die Arbeitslosigkeit senken.

Wir leben in einer WELT in der mit den produzierten Waren die DOPPELTE WELTBEVÖLKERUNG ERNÄHRT WERDEN KÖNNTE. Jedoch STIRBT jede 6. SEKUNDE EIN KIND UNTER 5 JAHREN AN UNTERERNÄHRUNG.

Es leben auf der Welt 1,4 Milliarden MENSCHEN in EXTREMER ARMUT.
2,5 Millionen Menschen –> leben von 2 DOLLAR PRO TAG.

Unsere Technik ist so weit fortgeschritten, dass es ausreichend wäre wenn jeder Mensch ein paar Stunden pro Tag arbeiten würde. Allerdings sammelt sich der halbe Reichtum auf unserer Erde in den Händen von 1% der Weltbevölkerung. Und den Herrschenden dieser Welt ist dies nicht genug. Sie wollen nun die Ausbeutung in dem zweit reichsten Land in Europa verdoppeln. Doch die unterdrückte Bevölkerung von Frankreich erhebt sich nun gegen die ausbeuterische Politik.

Es wird geträumt auf dem Platz: einen »rêve géneral«, den GEMEINSAMEN TRAUM „heart“-Emoticon –> daß es real auch ANDERS GEHT !

Angelique CHRISAFIS (Paris): Nuit debout protesters occupy French cities in revolutionary call for change

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 13.04.2016

Dear all,

last Saturday hundreds of thousands gathered in 120 cities of France (Paris, Nantes, Toulouse, Rennes etc.) protesting against a labor draft „El Khomri“ and debating large-scale political / social changes and alternative ways of living …

Below an extract of an illustrative report written by Angelique Chrisafis about the origins and motives of the Nuit-debout-movement in France.

See also:

https://www.facebook.com/NuitDebout/
https://www.facebook.com/nuitdeboutparis/
https://www.facebook.com/Nuitdebout-Namur-706645572772499/
https://www.facebook.com/NuitDeboutPaysBasque/

Greets,
Martin Zeis

http://www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change

France
Nuit debout protesters occupy French cities in revolutionary call for change
For more than a week, vast nocturnal gatherings have spread across France in a citizen-led movement that has rattled the government

By Angelique Chrisafis in Paris
Friday 8 April 2016 17.31 BST

As night fell over Paris, thousands of people sat cross-legged in the vast square at Place de la République, taking turns to pass round a microphone and denounce everything from the dominance of Google to tax evasion or inequality on housing estates.

The debating continued into the early hours of the morning, with soup and sandwiches on hand in the canteen tent and a protest choir singing revolutionary songs. A handful of protesters in tents then bedded down to “occupy” the square for the night before being asked to move on by police just before dawn. But the next morning they returned to set up their protest camp again.

For more than a week, these vast nocturnal protest gatherings – from parents with babies to students, workers, artists and pensioners – have spread across France, rising in number, and are beginning to panic the government.

Called Nuit debout, which loosely means “rise up at night”, the protest movement is increasingly being likened to the Occupy initiative that mobilised hundreds of thousands of people in 2011 or Spain’s Indignados.

Despite France’s long history of youth protest movements – from May 1968 to vast rallies against pension changes – Nuit debout, which has spread to cities such as Toulouse, Lyon and Nantes and even over the border to Brussels, is seen as a new phenomenon.

It began on 31 March with a night-time sit-in in Paris after the latest street demonstrations by students and unions critical of President François Hollande’s proposed changes to labour laws. But the movement and its radical nocturnal action had been dreamed up months earlier at a Paris meeting of leftwing activists.

“There were about 300 or 400 of us at a public meeting in February and we were wondering how can we really scare the government?. We had an idea: at the next big street protest, we simply wouldn’t go home,” said Michel, 60, a former delivery driver.

“On 31 March, at the time of the labour law protests, that’s what happened. There was torrential rain, but still everyone came back here to the square. Then at 9pm, the rain stopped and we stayed. We came back the next day and as we keep coming back every night, it has scared the government because it’s impossible to define.

“There’s something here that I’ve never seen before in France – all these people converge here each night of their own accord to talk and debate ideas – from housing to the universal wages, refugees, any topic they like. No one has told them to, no unions are pushing them on – they’re coming of their own accord.”

The idea emerged among activists linked to a leftwing revue and the team behind the hit documentary film Merci Patron!, which depicts a couple taking on France’s richest man, billionaire Bernard Arnault. But the movement gained its own momentum – not just because of the labour protests or in solidarity with the French Goodyear tyre plant workers who kidnapped their bosses in 2014. It has expanded to address a host of different grievances, including the state of emergency and security crackdown in response to last year’s terrorist attacks.

“The labour law was the final straw,” said Matthiew, 35, who was retraining to be a teacher after 10 years in the private sector, and had set up an impromptu revolutionary singing group at the square. “But it’s much bigger than that. This government, which is supposed to be socialist, has come up with a raft of things I don’t agree with, while failing to deal with the real problems like unemployment, climate change and a society heading for disaster.”

Many in the crowd said that after four years of Hollande’s Socialist party in power, they left felt betrayed and their anger was beginning to bubble over.

(…)

full text, images and videos see:
http://www.theguardian.com/world/2016/apr/08/nuit-debout-protesters-occupy-french-cities-in-a-revolutionary-call-for-change