Andreas WEHR: Wieso dieser Hass auf die G 20?

Elke Schenk

globalcrisis/globalchange NEWS

14.7.2017

Eine kritische Analyse der aus dem links-grünen Spektrum initiierten G20-Proteste von Andreas Wehr, Mitarbeiter der Linksfraktion im EU-Parlament. Als Fazit präsentiert er ein längeres Zitat von Klaus von Raussendorff,

das ich voranstelle, danach folgen Auszüge aus Wehrs Beitrag, vollständiger Text im Anhang.

http://www.nordrhein-westfalen.freidenker.org/category/veranstaltungen/veranstaltungen-bonn/

G20 in Hamburg

Zur derzeitigen „Protestkultur“ in Deutschland erlaube ich mir vorab folgenden persönlichen Kommentar:
In Hamburg haben wir erneut, aber so drastisch wie nie zuvor gesehen, was dabei herauskommt, wenn wohlmeinende Aktivisten so genannter sozialer Bewegungen in unmittelbarer Auseinandersetzung mit einer diplomatischen Staatenkonferenz „auf Weltebene“ erreichen wollen, was sie in direkter Konfrontation mit den „Eliten“ im eigenen Land zu erkämpfen zu mutlos, zu feige, zu bequem oder zu denkfaul sind. So kam zum G20-Treffen in Hamburg als Protest nur ein „Event“ heraus, und zwar je nach Geschmack in zwei Versionen, einerseits in Form von musikalisch umrahmter harmlos-aktivistischer Selbstinszenierung, andererseits in Form blanker Zerstörungswut, sowohl ideologisch von Seiten der raffinierten Provokateure vom „Zentrum für politische Schönheit“ als Stichwortgeber als auch organisiert martialisch auf der Straße vom „Schwarzen Block“. So bot Hamburg ein lehrreiches Bild der derzeit in Deutschland grassierenden „Protestkultur“: Regierung und Volk vereint gegen die „Diktatoren“ dieser Welt, ein original faschistisches Konzept von „Volksgemeinschaft“, allerdings bis zur Unerkennbarkeit neu drapiert als „Wertegemeinschaft“ zur Verteidigung „unserer“ Zivilisation.

Mit freundschaftlichen Grüßen

Klaus von Raussendorff

http://www.andreas-wehr.eu/wieso-dieser-hass-auf-die-g20.html

Wieso dieser Hass auf die G20?

Andreas Wehr

Die Legenden über die G20

In Deutschland wird die G20 fälschlich oft als eine bloße „Erweiterung“ der G7 angesehen, also jenes seit Mitte der 70er Jahre existierenden Zusammenschlusses der imperialistischen Kernländer USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada .[2] In Wahrheit sind aber die G7 weiter eigenständig und sehr lebendig, erst Ende Mai hielten sie im sizilianischen Taormina ihr Gipfeltreffen ab. Diese Gleichsetzung von G7, bzw. der kurzzeitig um Russland auf G8 erweiterten Gruppe, und der G20 aber ist gewollt: Damit soll eine Kontinuität zwischen den Demonstrationen gegen die Treffen der G7/G8 und dem Gipfel der G20 in Hamburg hergestellt werden. Die Proteste gegen die G7/G8 von Seattle 1999, Genua 2001, Heiligendamm 2007 und 2015 auf Schloss Elmau werden zu diesem Zweck in Erinnerung gerufen. An sie sollte in Hamburg angeknüpft werden.

Selbst über die Zusammensetzung der G20 herrscht in Deutschland oft Unklarheit. So spricht Attac fortwährend von der G20 als der Versammlung der „reichsten Staaten“ der Welt.[3] Die Reihe „der Reichsten“ wird aber von Katar angeführt, gefolgt von Luxemburg, Macao, Singapur, Brunei Daressalam, Kuwait, Irland und Norwegen. Nebenbei bemerkt: Es ist mehr als eine bittere Ironie, ausgerechnet das G20-Land Indien zu den reichsten Ländern zu zählen! Der Gruppe der Zwanzig gehören tatsächlich folgende 19 Staaten sowie die Europäische Union an: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, die Türkei und die USA. Anders als bei der G7 ist also der Westen hier nicht unter sich. Mit am Tisch sitzen auch seine größten Kontrahenten Russland und China sowie weitere Schwellenländer.[4] Die G20 sind daher keine „Erweiterung“ der G7. Ihre Etablierung ist auch kein Geschenk des Westens an die übrige Welt. Sie entstand vielmehr aus der Not in der Weltwirtschaftskrise 2008, die man ohne Hilfe Chinas und anderer Schwellenländer alleine nicht mehr bewältigen konnte. Mit der Etablierung der G20 sind die globalen Verhältnisse aber natürlich nicht umgestürzt worden. Wie sollte das auch möglich sein? Aber es wurde ein wichtiger Schritt in Richtung einer multipolaren Weltordnung getan.

Die Demonstrationen und Proteste in Hamburg richteten sich unterschiedslos gegen alle eingeladenen Staatschefs. Ohne jede Differenzierung wurden sie mal als „Mächtige“, mal als „Oligarchen“, dann wieder als „Herrschende“ oder auch „Autokraten“ bezeichnet, die gleichermaßen für Hunger, Armut, Hochrüstung, ja Krieg verantwortlich seien. Täter und Opfer der westlichen imperialistischen Politik wurden unterschiedslos auf eine Stufe gestellt. …

Das Versagen der parteipolitisch organisierten Linken, nicht über die wirklichen Verhältnisse in der Welt aufgeklärt und damit nicht bewusstseinsbildend auf die in Hamburg Anwesenden eingewirkt zu haben, stellt ihr ein beispielloses Armutszeugnis aus. Ihre Sprache unterschied sich nicht vom üblichen Gerede von den „Machthabern“, die man nicht in der Stadt sehen wolle. Auch hier wurde alles zusammengerührt, war am Ende „alles eine Soße in der Weltpolitik.“[7] So hieß es im Aufruf der Partei DIE LINKE: „Mitten in der Hamburger Innenstadt will Angela Merkel Trump, Putin, Erdogan den roten Teppich ausrollen. Gemeinsam wollen sich Neoliberale und Autokraten dort als Problemlöser inszenieren. Dabei ist es ihre Politik der letzten Jahre, die viele der drängendsten Probleme erst hervorgerufen hat.“[8] Die Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE Ulla Jelpke setzte Erdogan direkt mit Putin gleich: „Wenn es um Erdogan den Kurdenmörder geht, oder wenn es um Putin geht, der überall seine Bomben einsetzt und einsetzen will, dann werden hier die tollsten Hotels angemietet und sie werden geschützt. Aber die friedlichen Demonstranten, die werden hier geprügelt und angegriffen.“[9] Der Parteivorsitzende der Partei DIE LINKE, Bernd Riexinger, begrüßte die Demonstration „Für grenzenlose Solidarität“ vom 8. Juli als eine „gegen die Politik der Trumps, Erdogans, Putins und Merkels, die diese Welt sozial und ökologisch an den Rand der Existenz bringt und deren Kriege Hunger, Not und Flucht verursachen“.

Doch wer ist für die Kriege, für Not und Flucht in der Welt wirklich verantwortlich? Wer hat den Irak gleich zweimal angegriffen, wer Libyen überfallen und wer führt heute Krieg gegen den Jemen? Wer destabilisiert seit Jahren Syrien und interveniert ungeniert militärisch gleich in mehreren Staaten Afrikas, und wer droht jetzt Nordkorea offen mit Krieg? Wer hat gestattet, dass in Kiew Rechtsradikale mithalfen, die rechtmäßige ukrainische Regierung zu stürzen? Wer lässt es schließlich zu, dass Israel Palästina faktisch okkupiert? Und wer heizt den Konflikt in Venezuela von außen an? Diese Liste ließe sich weiter verlängern. In jedem Konflikt sind es die westlichen NATO-Staaten, zusammen mit ihren jeweiligen Verbündeten, die die Verantwortung dafür tragen. Ihnen gegenüber stehen die gleichfalls in der G20 vertretenen Staaten Russland, China, Indien, Südafrika, Brasilien, Mexiko sowie weitere, die immer wieder versuchen, zwischenstaatliche Konflikte friedlich beizulegen, militärische Auseinandersetzungen zu vermeiden und die internationale Politik auf diese Weise zu demokratisieren. Bei den Demonstranten zählte aber all das nicht. Es zählte auch nicht, dass das moderne China Hunderte von Millionen Menschen aus bitterster Armut befreit hat und das Land heute im Kampf gegen den Klimawandel weltweit zum Hoffnungsträger geworden ist. Für die G20-Gegner sind in der Nacht alle Katzen grau! Es ist eine einzige „reaktionäre Masse“, der sie sich gegenübersehen. Gegen eine solche Weltsicht, die keine Unterschiede kennt, polemisierten schon Karl Marx und Friedrich Engels gegen Ferdinand Lassalle bzw. Michail Aleksandrovič Bakunin. In der heutigen theorielosen Zeit kehren solche, überwunden geglaubten primitiven, da undialektischen Denkweisen zurück.

Man weigert sich aber nicht nur, irgendwelche Unterschiede zur Kenntnis zu nehmen. Man vermeidet auch, die wirklich Herrschenden mit Hilfe einer konkreten Analyse der konkreten Situation bei ihrem Namen und ihren Taten zu nennen.

Warum nur dieser Hass?

Man fragt sich, woher dieser Hass auf die G20 stammt, der sich in den Straßen Hamburgs sowohl friedlich artikulierte als auch gewalttätig austobte. Worin liegt der tiefere Grund für die unbestreitbare Breite der Ablehnung des Gipfels, selbst unter sonst unpolitischen Menschen? Diese prinzipielle Gegnerschaft steht im Gegensatz zu den mageren Mobilisierungserfolgen bei Ereignissen, die allemal Proteste verdienen. Zwar wurde auch gegen den Nato-Gipfel vor wenigen Wochen protestiert, doch in Brüssel kamen weit weniger als jetzt in Hamburg zusammen, und auch für Randale sah niemand eine Notwendigkeit. Selbst die Ratsgipfel der EU, auf denen die weitere Drangsalisierung Griechenlands beschlossen wird, laufen regelmäßig ohne Proteste ab, ganz zu schweigen von den Friedensdemonstrationen, die gegenwärtig nur wenig Zulauf haben.

Die Organisatoren der Hamburger Proteste täuschen sich, sollten sie glauben, es wäre ihre Agitation und Propaganda gewesen, die zu dieser Mobilisierung geführt hat. Dafür sind ihre Organisationen und Medien viel zu einflusslos. Der Schub wurde vielmehr von der breiten liberalen bzw. linksliberalen Öffentlichkeit, von Medien wie Zeit, Spiegel, Süddeutscher Zeitung, Frankfurter Rundschau, Freitag, taz, Stern, Neue Zürcher Zeitung und auch von einigen öffentlich-rechtlichen Medien erzeugt. Dort fand man bereits vor Monaten die heute so aktuellen Vorwürfe gegen die G20: Sie handele selbstherrlich, geriere sich als Weltregierung, missachte die UN, sei schlicht illegitim. Vorwürfe, die man dort niemals gegenüber der G7 erheben würde. Es ist ganz offensichtlich, dass diesen Medien die ganze Richtung nicht passt. Es ist die Institution G20 als solche, die stört, weil in ihr mit Russland und China und anderen Schwellenländern Mächte an Einfluss gewonnen haben, die auch der deutsche Imperialismus unbedingt in seine Schranken zurückverweisen will.

WEHR-Wieso-dieser-Hass-auf-die-G20-2017_07.pdf

Dokument: Banken zu Pflugscharen — Gemeinsam wider die Herrschaft der Finanzmärkte – 95 Thesen; perestroika.de, 23.04.2017

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis

Hallo mitnand,

unter dem Titel Banken zu Pflugscharen – Gemeinsam wider die Herrschaft der Finanzmärkte haben Michael Brie, Peter Wahl, Rudolf Hickel, Ulrich Duchrow, Gregor Gysi, Ingrid Mattern und André Brie in Anlehnung an Luthers Thesen vor 500 Jahren 95 Thesen formuliert, welche die Auswüchse der Macht der weltweiten Finanzmärkte auf Menschen und Gesellschaften thematisieren.

Die Thesen sind in vier Bereiche untergliedert:-

– Zeit für eine neue Reformation (Thesen 1–15)
– Der Finanzkapitalismus übernimmt die Vorherrschaft (Thesen 16–49)
– Das Finanzsystem unter demokratische Kontrolle bringen. Prinzipien der Neuordnung (Thesen 50–72)
– Eine neue Reformation und eine andere Welt sind möglich (Thesen 73–95)

Diese Thesen sind bereits von zahlreichen Politikerinnen, Politikern unterschiedlicher Parteien, von Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftlern, Theologinnen und Theologen, Künstlerinnen und Künstlern unterstützt worden

Über den Link http://www.perestroika.de/95-thesen gelangt man zu den Thesen, der Unterstützerliste und zur Unterzeichnung.

Im Folgenden wird der Beginn und Schluss des Thesenpapiers dokumentiert gesamte Fassung siehe Anhang —

Gemeinsam für eine neue und solidarische Reformation wider die Herrschaft der Finanzmärkte über Demokratie, Gesellschaften, Europa und die globalen Verhältnisse

95 Thesen

Zeit für eine neue Reformation

1.
Was zu Luthers Zeiten begann, hat heute einen neuen Höhepunkt: das Monopol des Geldes. Die Demokratie ist in Gefahr. Der innere und äußere Frieden sind bedroht. Der soziale Zusammen- halt ist gestört. Die Vorherrschaft eines neoliberalen Mainstreams ließ die Politik sich weltweit an den Vorgaben der Finanzmärkte und den Interessen des oberen, reichen einen Prozents der Bevölkerung ausrichten. Die 8 reichsten Männer der Erde besitzen ebenso viel wie die 3,6 Milliarden der armen Hälfte der Menschheit. Eine Umkehr, eine Reformation ist nötig.

2.
War es vor 500 Jahren die Käuflichkeit des Seelenheils der Gläubigen durch den Ablasshandel, die Ausdruck einer großen Krise war, ist es heute die Unterordnung der Politik unter die Vorgaben der Finanzmärkte. Gott oder Mammon – du kannst nicht beiden dienen, hieß es zu Zeiten von Jesus und vor 500 Jahren. Demokratie oder Finanzmarkt-Kapitalismus – dies ist die Frage unserer Zeit.

3.
Andauernde Unterentwicklung, 800 Millionen Menschen, die Hunger leiden, Hunderttausende Tote in Kriegen, Millionen Flüchtlinge und Binnenvertriebene, und der dramatische Klimawandel haben sich verhängnisvoll verknüpft. Ihre Kehrseite sind exorbitanter Reichtum und Luxus. Dass die EU-Kommission stattdessen ausgerechnet die Finanzmarkt-Richtlinie des Parlaments, mit der die exzessive Spekulation mit Nahrungsmitteln gestoppt werden sollten, so verändert hat, dass sie praktisch wirkungs- los wird, kann nur empören. Die von der EZB, dem IWF, Angela Merkel und Wolfgang Schäuble durchgesetzte Austeritätspolitik hat zudem dazu geführt, dass Jugendarbeitslosigkeit und Armut im Süden der Europäischen Union dra- matische Dimensionen angenommen haben.

4.
Wurden mit dem Ablasshandel die globalen Imperien von Karl V. und Papst Leo X. sowie das Wuchersystem der Peruzzi und Bardi, der Fugger und Welser und ihr System von Kolonialismus, Völkervernichtung und Sklavenhandel finanziert, sind es heute der globale Finanzmarkt-Kapitalismus und seine Anhäufung von Vermögensansprüchen, die aus der Produktion des globalen Bruttosozialprodukts finanziert werden müssen.

5.
Zu Recht fasst der US-Ökonom Michael Hudson zusammen, dass ein Prozent der Bevölkerung mit ihrem Finanzvermögen und anderem Reichtum „die restlichen 99 Prozent, aber auch Unternehmen und ganze Staaten, in permanenter Verschuldung … halten.“ Dies macht eine demokratische Politik der Solidarität, der Erhaltung der Natur und des Friedens unmöglich.

6.
Vor 500 Jahren entstand das System des globalen Kapitalismus. Heute müssen wir ihm endlich wieder Zügel anlegen. Nicht zuletzt ist die Krise seit 2008 ein weiterer Warnschuss.

(…)

90.
So wie Luther die Gläubigen in seinen Thesen 94 und 95 ermutigte, so benötigen die Menschen in Deutschland, in Europa und der Welt eine eigene realistische Zuversicht, dass die geballten und schwierigen Herausforderungen für ihre soziale Situation sowie durch Kriege, Not und Klimawandel gelöst werden können.

91.
Ohne Hoffnung, so Salomon, werden die Menschen wüst und wild. Menschen, die lediglich auf Lösungen von Oben oder Außen warten, werden sie jedoch nicht bekommen.

92.
Dort werden sie nur die Vorherrschaft der Finanzmärkte und ihrer Interessen vorfinden.

93.
Es geht um nicht weniger als um die Vormacht von Demokratie und Menschenrechten, die Unantastbarkeit der Würde jedes Menschen durch
solidarisches Handeln auch gegen die Finanzmärkte.

94.
Doch anders als selbstbewusst und selbstverantwortlich wird eine solche Reformation der Gesellschaft von den Menschen nicht erreicht werden.

95.
Nur durch den Druck aus der Gesellschaft und bürgerschaftliches Engagement wird es möglich sein, die Reformblockade im politischen und gesellschaftlichen System zu überwinden.

Hier stehen wir. Wir können nicht anders. Für eine andere Welt.

95Thesen-wider-Herrschaft-Finanzmärkte170425.pdf

Interview von J. WERNICKE mit M. HARTMANN über „Die globale Wirtschaftselite“, NDS, 25.11.2016

globalcrisis/globalchange NEWS

Martin Zeis, 25.11.2016

Hallo zusammen,

Jens Wernicke hat heute auf NDS ein – gerade für die konzern-/kapitalismuskritischen sozialen Bewegungen – interessantes Interview mit dem Soziologen Michael Hartmann* zum Thema „Die globale Elite“ veröffentlichen lassen (vgl. www.nachdenkseiten.de/?p=35985 und pdf-Datei im Anhang).

Die zentrale, empirisch sehr gut belegte These Hartmanns ist, dass es nicht d i e globale Wirtschaftselite gibt, ebenso nicht d i e eine globale Kapitalistenklasse. Vielmehr rekrutiere sich der zu dieser sozialen Schicht zugehörige Personenkreis jeweils aus nationalen Systemen, bleibe überwiegend dort basiert (rechtlich, Wohnsitz, Zentralen + Steuerungsknoten der Konzerne …) und die Handlungsspielräume auf nationaler Ebene seien wesentlich höher als die seit 30 Jahren von interessierter Seite gestreute Behauptung von der Über-/Allmacht einer globalen (einheitlichen, organisierten) Wirtschaftselite suggeriere.

„… Die Eliten existieren natürlich, aber eben auf nationaler Ebene. Was den Angriff auf die Sozialsysteme oder die steuerliche Begünstigung von Großkonzernen und Reichen angeht, waren und sind sich die Eliten aus den westeuropäischen Ländern und Nordamerika auch weitgehend einig. Die Ursache dafür liegt aber nicht in Absprachen untereinander und in einem koordinierten Vorgehen. Sie ist vielmehr in erster Linie in den veränderten politischen Kräfteverhältnissen in den einzelnen Ländern zu suchen. (…)

Der Sieg des neoliberalen Denkens ist zwar von interessierten Kreisen vorbereitet worden, er verdankt seinen Erfolg aber dem Niedergang all jener Kräfte, die für die dominierende Rolle des Keynesianismus in den meisten westlichen Staaten nach 1945 gesorgt haben. Nach dem 2. Weltkrieg waren die herrschenden Klas-sen in diesen Ländern diskreditiert, die Gewerkschaften und die klassischen sozialdemokratischen, sozialistischen und kommunistischen Parteien in West-europa waren dagegen außergewöhnlich stark und die Existenz des Ostblocks zwang die Herrschenden zu Zugeständnissen. All das hat sich seit den 1980er Jahren Stück für Stück geändert.“
(…)

Was bedeuten die Ergebnisse Ihrer Analyse für linke Bewegungen und Parteien?

Sie zeigen, dass die Handlungsspielräume auf nationaler Ebene viel größer sind, als es das jahrelange Gerede von der Übermacht der globalen Wirtschaftselite und der daraus resultierenden Alternativlosigkeit der herrschenden Politik vermuten lässt.

Das gilt besonders für das Problem der Besteuerung von Großkonzernen und Reichen. So wohnen von über 300 US-Bürgern unter den 1.000 reichsten Menschen der Welt nur drei im Ausland. Von den 67 Deutschen sind es dagegen 19. Der wesentliche Grund dafür ist ganz einfach: Die USA besteuern alle US-Bürger nach den US-Steuersätzen, egal, wo diese leben. Wenn sie andernorts weniger Steuern zahlen, müssen sie den Differenzbetrag eben an die USA abliefern. Geben sie die Staatsbürgerschaft ab, fällt eine sogenannte Exit-Tax von gut 20 Prozent auf das gesamte Vermögen an. So etwas könnte auch die Bundesrepublik machen. Dann würde die Anzahl der in der Schweiz residierenden deutschen Milliardäre und Multimillionäre mit Sicherheit drastisch sinken.

Bei den Unternehmen ist es komplizierter. Sie können natürlich Investitionen in ein anderes Land verlagern. Bei den Zentralen der Unternehmen ist das aber sehr viel schwieriger. Es hat schon einen Grund, dass die Verlagerung von Firmensitzen so gut wie immer nur juristisch erfolgt, nicht aber tatsächlich.

So sind alle britischen und US-Konzerne, die wie Allergan oder Seagate ihren offiziellen Sitz in Irland haben, mit ihren Hauptquartieren nicht wirklich dorthin gezogen. Sie sind in Großbritannien und den USA geblieben. Der wesentliche Grund dafür ist, dass sie in regionale oder nationale Netzwerke eingebunden sind, die sie nicht einfach ohne große Einbußen an Qualität und Leistungsfähigkeit aufgeben können.

Und Apple spart zwar Steuern über seine Niederlassung in Irland, das Headquarter mit allen entscheidenden Abteilungen ist aber im Silicon Valley. Das Angebot an hochqualifizierten Arbeitskräften dort, die Kontakte zu Stanford und Berkeley, die informellen Netzwerke etc. lassen sich eben nicht nach Irland transferieren.

Ähnliches gilt auch für deutsche Autokonzerne und den deutschen Maschinenbau. Für Unternehmen, die wie die russischen oder chinesischen enger an den Staat beziehungsweise an die Märkte bzw. Rohstoffe in einem Land gebunden sind, trifft das noch stärker zu.“

* Michael Hartmann, Jahrgang 1952, war von 1999-2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Arbeitsschwerpunkte: Eliten-, Management- und Hochschulforschung im intern-ationalen Vergleich. Im Jahr 2002 erhielt er den Thyssen-Preis für den besten sozialwissen-schaftlichen Aufsatz des Jahres, 2010 den Thyssen-Preis für den zweitbesten sozialwissen-schaftlichen Aufsatz des Jahres und 2008 den Preis der Deutschen Gesellschaft für Sozio-logie für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der öffentlichen Wirksamkeit der Sozio-logie. Wichtige Buchveröffentlichungen: Der Mythos von den Leistungseliten (2002); Elite-soziologie (2004); Eliten und Macht in Europa (2007); Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten? (2013); Die globale Wirtschaftselite (2016).

Michael Hartmann
Die globale Wirtschaftselite – eine Legende
Broschiertes Buch
September 2016
Campus Verlag
24,95 Euro

Leseprobe: http://www.buecher.de/shop/globalisierung/die-globale-wirtschaftselite/hartmann-michael/products_products/detail/prod_id/45001821

HARTMANN-die-globale-Elite_NDS-Interview161125.pdf

Die Grenzen der Megamaschine: Globale Krisen und der Kampf um echte Demokratie – Kontext TV

Die Grenzen der Megamaschine: Globale Krisen und der Kampf um echte Demokratie   19.03.2015  Langfassung

Fabian Scheidler, Mitbegründer von Kontext TV, Buchautor („Das Ende der Megamaschine“), Theater- und Opernautor

„In seinem Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ geht Fabian Scheidler den Wurzeln der Zerstörungskräfte nach, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen. In einer historischen Spurensuche erzählt er die Vorgeschichte und Genese des kapitalistischen Weltsystems, das vor etwa 500 Jahren in Europa entstand und Mensch und Natur einer radikalen Ausbeutung unterworfen hat. Dieses System sei nicht, wie es der Mythos der Moderne will, aus dem Pioniergeist von Entdeckern und Händlern hervorgegangen, sondern aus einer engen Verflechtung von Kriegswirtschaft, Staatsmacht und Finanziers. Die tiefgreifende Verflechtung von Staaten und Großunternehmen sei bis heute eines der zentralen Hindernisse für die notwendige sozial-ökologische Transformation. Angesichts von Klimachaos, Finanzcrashs und der sich verschärfenden sozialen Spaltung stoße heute ein ganzes Zivilisationsmodell an seine Grenzen.“


			

Zum Tod des politischen Ökonomen Herbert Schui (1940-2016)

Jasminrevolution

herbert-schui Herbert Schui (1940-2016)

Theodor Marloth

Am 15.August wurde sein Tod bekannt: Herbert Schui war Ökonomie-Professor und einer der bekanntesten Kämpfer gegen den Neoliberalismus in Deutschland. Als Mitgründer der WASG verließ er die SPD und zog für die Linkspartei in den Bundestag ein, wo er gegen die neoliberale Entwürdigung des Menschen durch FDP, Union, Grüne und New-Labour-SPD kämpfte. Sein Tod reißt eine Lücke in die linke politische Szene: Schui war 1975 Mitbegründer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Herbert Schui zu Armut und Menschenwürde

Wer Armut anderer Leute empörend findet, kann für sich in Anspruch nehmen, ein moralischer Mensch zu sein. Aber wenn Moral da stehen bleibt, wo sie eine Art Kritik ist, „welche die Gegenwart zu be- oder verurteilen, aber nicht zu begreifen vermag“, wird sie eher ein Motiv sein, der Armut mit Almosen zu begegnen. Erst das Begreifen öffnet den Weg dahin, über…

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Ergebnisse von Elmau: G7 will Dominierungsstrategie verschärfen

Ergebnisse von Elmau: G7 will Dominierungsstrategie verschärfen

Conrad Schuhler

Weltanteile-der-G7

Ergebnisse von Elmau: Die G7 will ihre globale Dominierungsstrategie weiter verschärfen – und gaukelt ein „Dekarbonisierungsprogramm“ bis 2100 vor

Die Qualität der G7-Treffen hat sich in den letzten Jahren entsprechend dem geringeren globalen Gewicht der G7-Länder verändert. Im Jahr 2000 hatte die G7 noch über 66 % des globalen Wirtschaftsprodukts hergestellt. Im Jahr 2013 waren es nur noch 46 %. Führten die früheren G7-Treffen zu Arrangements der globalen Wirtschaft, die ohne großen Widerstand durchzusetzen waren, so sind die G7-Treffen der neuen Epoche in erster Linie Strategiezirkel, in denen die politischen Eliten der alten Metropolen diskutieren bzw. festlegen, wie sie das Schwinden ihrer Dominanz aufhalten und sie ihrerseits gegen die aufstrebenden Mächte des „Südens“ – worunter auch Russland und China zu verstehen sind – vorgehen. Aus diesem Grund schieben sich neben und oft vor die Fragen der „Weltwirtschaft“ Projekte der Außen- und Militärpolitik. Die Frage der Gestaltung der Globalisierung in allen ihren relevanten Aspekten rückt in den Mittelpunkt. (…)
http://isw-muenchen.de/2015/06/ergebnisse-von-elmau-g7-will-dominierungsstrategie-verschaerfen/

Mehr über den Autor:

Conrad Schuhler Diplom-Volkswirt, Autor

Geiz ist NICHT geil – Wie an europäischen Lebensmitteln die Welt verhungert – netzfrauen

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15.04.2014

Lebensmittel sind nicht mehr preiswert, sie sind billig. Die Rotstift-Aktionen von Aldi haben Auswirkungen auf den gesamten Handel. Viele Wettbewerber orientieren sich in der Gestaltung von Preisen am Discount-Marktführer und versuchen sich wiederum zu unterbieten. Es kommt zu einem Preiskampf zwischen Aldi und den Rivalen wie Lidl oder Rewe. (…)