Armen AVANESSIAN: Die Flüchtlingsströme stellen uns vor die Systemfrage: Der Kapitalismus und seine Eliten haben abgewirtschaftet, ZEIT 19.09.2015

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 20.09.2015

Hallo zusammen,

wegen der sich vor aller Augen beschleunigenden und vertiefenden inneren und äußeren Krise der „Megamaschine“ der Geldvermehrung (Fabian Scheidler *) finden seit einigen Monaten ab und zu Texte/Wortmeldungen, welche die Wurzeln dieser Entwicklung offenlegen, Eingang in die eben dieses System stützenden Medien.

Die folgend auszugsweise dokumentierte Kampfschrift von Armen AVANESSIAN ist im Anhang und über den Link http://www.zeit.de/2015/36/fluechtlinge-migration-kapitalismus-rassismus/komplettansicht in Gänze verfügbar.

Grüße,
Martin Zeis

* Fabian SCHEIDLER: Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation; ProMedia Wien 2015, 271 S., ISBN: 978-3-85371-384-6

=========

Die ZEIT, 19.09.2015 — www.zeit.de/2015/36/fluechtlinge-migration-kapitalismus-rassismus/komplettansicht

Flüchtlinge
Diese Menschenschwärme
Die Flüchtlingsströme stellen uns vor die Systemfrage: Der Kapitalismus und seine Eliten haben abgewirtschaftet. Eine Kampfschrift

Von Armen Avanessian

Was sind das für Menschen? Diese Frage stellt sich angesichts der Bilder und Berichte von den Flüchtlingsströmen der letzten Monate. Und damit meine ich nicht die rassistischen Mobs oder die sprachlichen Gewalttäter in Boulevard und Politik – sondern jene „swarms of people“, wie der britische Premier David Cameron die nennt, die er nach guter alter Fuchsjagd-Tradition mit Spürhunden jagen lässt.
Können wir uns überhaupt vorstellen, was das für Menschen sind, die aus Verzweiflung auf unsicheren Wegen ihre Heimat und ihre Familie verlassen, die irgendwann irgendwo stranden, um dann auf Mülldeponien und im Schmutz notdürftig ihre Zelte aufzubauen?
Ich bezweifle, dass wir überhaupt schon begriffen haben, um was für Menschen es sich handelt. Ja, ich bezweifle, dass wir überhaupt verstehen wollen, was eine Flucht ins Ungewisse bedeutet. Es scheint fast so, als wollten wir sie nicht verstehen, diese Menschen und ihre Gründe, wenn wir in unserer Verwirrung nach den individuellen Motiven ihrer Flucht fragen, um so für ein wenig Ordnung und Selbstbeschwichtigung zu sorgen. (…)

Nadelstreifen-Rassisten leisten der Radikalisierung Vorschub
Es steht zu befürchten, dass nach den Jörg Haiders und Silvio Berlusconis in Zukunft ernst zu nehmendere Gestalten in Erscheinung treten werden. Der übliche selbstreflexive und „kritische“ Umgang mit den allerorten aus den Heimatböden schießenden rechtspopulistischen Clowns täuscht sich über die Nadelstreifen-Rassisten in unserer politischen Mitte, die der zunehmenden Radikalisierung Vorschub leisten. Bei dem toxischen, aber eben typisch postdemokratischen Cocktail von Austerität und Merkantilismus 2.0 etwa, mit dem nicht mehr nur in semiperipheren Ländern demokratisch legitimierte Regierungen weggeputscht oder wegtroikisiert werden sollen, geht es nicht um eine erschreckende Begleiterscheinung eines urplötzlich zurückgekehrten hässlichen Deutschlands.
Egal ob es sich um „Europa und Afrika“ oder „Deutschland und Griechenland“ handelt: Die Handelsüberschüsse des einen sind nun mal die Handelsdefizite des anderen, und an den Wettbewerbsvorteilen zu rütteln bedeutet, jene von einer liberalen „Linken“ vergessene Systemfrage zu stellen, was sich ein als alternativlos gerierender Neoliberalismus, und sei es mit Gewalt, verbittet. An dieser Stelle wird dann von den neunmalklugen Schreibstuben-Politologen und Hobby-Anthropologen gerne auf die korrupten und zurückgebliebenen Gesellschaftsstrukturen der betroffenen Länder verwiesen: ein Musterbeispiel an Ideologie qua Naturalisierung von kulturellen Unterschieden, die in Wahrheit historisch gewachsen und ökonomisch produziert sind.

Immanuel Wallerstein, der gemeinsam mit Étienne Balibar den Zusammenhang von Kapitalismus, Nationalismus und Rassismus vielleicht am luzidesten durchleuchtet hat, beschreibt das als „Ethnisierung der Hierarchien“. Deren Effekt ist ganz offensichtlich, dass das geografische Aufeinandertreffen der „ausländischen“ und „inländischen“ Verlierer der neoliberalistischen Revolution gerade nicht zu deren Solidarisierung führt. Ein konkretes Beispiel: der Umgang mit der Tatsache, dass in den nächsten Jahren immer mehr menschliche Arbeit durch Computer und Roboter ersetzt werden kann und wird. Eine akzelerationistische Politik würde diese Technologien der Beschleunigung (kürzere Arbeitszeit, weniger Arbeitsjahre) im Dienste der Arbeiter nutzen. Die gegenwärtige neoliberale Politik (längere Arbeitszeiten, späteres Pensionsalter) hingegen hat immer höhere Arbeitslosenzahlen zur Folge. Dass die Angst, auf Dauer vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen zu werden, sich gegen Ausländer und Immigranten richtet, ist fester Bestandteil des Systems.
Man kann es darum nicht deutlich genug sagen: Der sich im Umgang mit der Flüchtlingsfrage manifestierende Rassismus speist sich aus derselben Quelle wie der außen- oder innenpolitische Sparfanatismus. Im Moment ihres größten Triumphs ist daran zu erinnern, dass die Gedankenwelt und Politik der protestantischen Zuchtmeister und schwäbischen Sparsadisten der Vergangenheit angehört. Eine nicht mehr an technologischem Analphabetismus und Zukunftsangst laborierende Linke würde dagegen den schon spürbaren Auswirkungen der digitalen Revolution und der Automatisierung mit Optimismus und Zukunftsemphase begegnen und sie für nicht nur industrielle, sondern auch gesellschaftliche Beschleunigung nutzen.

Mit lokalen Interventionen allein wird es keine globale Ruhe geben
Gibt es zum Beispiel irgendeinen rational nachvollziehbaren Grund, warum wir alle immer noch länger arbeiten sollen, unter noch prekäreren Bedingungen und noch belastenderen Flexibilitätsdiktaten? Und kann sich angesichts zunehmender Automatisierung und erhöhten Rentenalters irgendjemand ernsthaft über die ständig steigende Zahl an Arbeitslosen sowie deren politische Frustration und Angst wundern? Es ist allerhöchste Zeit, die bereits vorhandenen technologischen Möglichkeiten statt im Dienste des Shareholder-Value für weitere „Rationalisierungen“ und Einsparungen auf eine fortschrittliche und progressive Art und Weise zu nutzen. Ganz simpel gesagt, geht es um ein besseres Leben: weniger Arbeit, allgemeines Grundeinkommen, tatsächlich freien Personenverkehr et cetera. (…)
Nicht nur im Zusammenhang der Klimaveränderung, die die Flüchtlingsproblematik auf absehbare Zeit noch weiter verschärfen wird, gilt, dass die anstehenden Probleme nur auf einer globalen Ebene zu lösen sein werden. Egal ob private Biokarottenzucht in Großmutters Vorstadtgarten oder punktuelle humanitäre Interventionen, egal wie sich der bisweilen lächerliche oder bewundernswert aufopfernde Aktionismus unserer westlichen Mittelklassen Ausdruck verleiht, mit lokalen Interventionen werden wir in unserem globalen Dorf keine Ruhe finden.
Das ist es auch, was uns die Flüchtlinge in Erinnerung rufen, jeder einzelne von ihnen und in aller Drastik. Sie sind kein ärgerliches Detailproblem am Rande unserer Gesellschaft und werden es auf Dauer nicht dulden, sich in unscheinbaren Zeltlagern und verstreuten Asylantenheimen zu verstecken.
Um was für Menschen es sich also handelt? Diese Schwärme an „infamen Menschen“ (Foucault) sind vielleicht die wahren politischen Subjekte unserer Zeit, die uns bis auf Weiteres mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Macht daran erinnern, dass es keine Lösung geben wird, die nicht eine radikale Transformation unseres Wirtschaftssystems bedeutet. (…) — Hervorh. m.z..—

AVANESSIAN-diese-Menschenschwaerme150919.pdf

Buchtipp: Fabian SCHEIDLER – Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation“

Betreff: Buchtipp: Fabian SCHEIDLER – Das Ende der Megamaschine – Geschichte einer scheiternden Zivilisation“, Promedia, April 2015

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 30.08.2015

Hallo zusammen,

auf das oben angezeigte Buch Scheidlers stieß ich über eine Besprechung von Andrea KOMOLOSY* in „lunapark 12 – Zeitschrift zur Kritik der globalen Ökonomie“, Heft 30, Sommer 2015. Nach der Lektüre kann ich mich ihrer Bewertung anschließen: „… Aus der Fülle der Neuerscheinungen ragt das Werk eines Generalisten heraus … Dass ihm mit „Das Ende der Megamaschine“ ein wahrhaft großer Wurf gelungen ist, liegt jedoch in seiner Erfahrung als Dramaturg, Theaterautor sowie Betreiber des globalisierungskritischen Fernsehmagazins www.kontext.tv. …“

* http://wirtschaftsgeschichte.univie.ac.at/mitarbeiterinnen/wissenschaftliche-mitarbeiterinnen/komlosy

Scheidler wird auf dem Kongress „Solidarische Ökonomie und Transformation“* am 11.09.2015 in Berlin eine/n Veranstaltung/Workshop anbieten und auf einer Lesereise im Herbst 2015 sein Buch präsentieren (siehe: http://www.counter-images.de/megamaschine/megamaschine-lesereise.html ).

* Kongress-Programm/Anmeldung/Infos über: http://solikon2015.org/de

Folgende Spots mögen einen ersten inhaltlichen Eindruck vermitteln:

I.
Kontext-TV Interview mit Fabian SCHEIDLER zu seinem im Frühjahr bei Promedia (Wien) erschienenen Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ (271 S., ISBN 978-3-85371-384-6).
Videobeitrag: 37:30 min, URL: http://www.kontext-tv.de/node/463

Begleittext:
Die planetaren Grenzen der Megamaschine sind erreicht / Transformationsprozess mit ungewissem Ausgang
Die globale Megamaschine stößt im 21. Jahrhundert an ökologische, soziale und ökonomische Grenzen, an denen sie letztlich scheitern muss, so Fabian Scheidler. Die politischen und ökonomischen Institutionen, die das System in den vergangenen Jahrhunderten geschaffen hat, erweisen sich als ungeeignet, adäquat auf diese Grenzen zu reagieren. Daher bewegen wir uns immer tiefer in einen chaotischen Übergangsprozess hinein, der Jahrzehnte dauern kann. Was am Ende herauskommt, lässt sich nicht voraussagen – auch fundamentalistische und faschistische Kräfte könnten weiter Aufwind bekommen. Entscheidend für eine sozial-ökologische Transformation sei es, mit dem Ausstieg aus der Megamaschine schon jetzt zu beginnen, um auf unvermeidliche systemische Brüche vorbereitet zu sein.
Gäste: Fabian Scheidler, Mitbegründer von Kontext TV, Buchautor („Das Ende der Megamaschine“), Theater- und Opernautor

II.
Inhaltsverzeichnis
Über den Autor
Einleitung

Teil I: Die vier Tyranneien
1. Kapitel: Macht
2. Kapitel: Metall
3. Kapitel: Markt
4. Kapitel: Ohnmacht
5. Kapitel: Mission

Teil II: Die Megamaschine
6. Kapitel: Monster
7. Kapitel: Maschine
8. Kapitel: Moloch
9. Kapitel: Masken
10. Kapitel: Metamorphosen
11. Kapitel: Möglichkeiten

Ausgewählte Literatur
Zeittafel A: Die vier Tyranneien (Kapitel 1–5)
Zeittafel B: Formation der globalen Megamaschine (Kapitel 6)
Zeittafel C: Konsolidierung, Expansion und Krisen (Kapitel 7–9)
Zeittafel D: Boom und Grenzen der Megamaschine (Kapitel 10–11)
Anmerkungen

III.
Einleitung

Das-Ende-Megamaschine-Einleitung.pdf

Interview mit Richard Sennett * „Ich hoffe auf den Kollaps des Systems“

—  gesamtes Interview im Anhang  —
Interview mit Richard Sennett *
„Ich hoffe auf den Kollaps des Systems“
Von Sebastian Moll
07. April 2015 – 11:09 Uhr
Im „neuen Kapitalismus“, schreibt der Soziologe Richard Sennett in seinem neuen Buch **, werde Arbeit zur Einbahnstraße: Während vom Arbeitnehmer totale Flexibilität gefordert wird, hat der Arbeitgeber über die Bezahlung hinaus keinerlei Verpflichtung mehr.
New York – – Seine Themen sind der Wandel der Arbeitswelt und die „Kultur des neuen Kapitalismus“. In seinem neuen Buch plädiert der amerikanische Soziologe Richard Sennett für mehr „Zusammenarbeit“ als Möglichkeit, die Gesellschaft vor einem Auseinanderbrechen zu bewahren.
Mr. Sennett, Sie sind 72, publizieren unermüdlich, sind ständig auf Vortragsreisen unterwegs. Offenbar lieben Sie Ihre Arbeit.
Ja, ich möchte an meinem Schreibtisch sterben. Der einzige Grund, den ich mir vorstellen könnte, mich zur Ruhe zu setzen, wäre,  mehr Zeit zum Cellospielen zu haben.
Wenn Sie einen Job in dem hätten, was Sie den „neuen Kapitalismus“ nennen – der globalen, neoliberalen Wirtschaftsordnung –, würden Sie aber wahrscheinlich nicht so gern arbeiten?
Ich habe sehr viel Glück gehabt in meinem Leben, ich konnte beständig an einer Sache arbeiten und mich darin vertiefen. Das gibt es heute nicht mehr. Die neue Wirtschaftsordnung bietet nur noch serielle, kurzfristige Befriedigung. Das betrifft heute ja sogar die Universität. Lebenszeitprofessuren wie meine gibt es ja kaum mehr, sie werden durch immer mehr kurzfristige Lehrverträge ohne soziale Absicherung ersetzt. Das ist pure Ausbeutung.
Sie sprechen die Fragmentierung und den Mangel an Beständigkeit an. Was sind außerdem die sozialen Kosten unserer neuen Wirtschaftsordnung?
Die ständige Unsicherheit und damit verbunden die Unmöglichkeit der Mitsprache innerhalb von Institutionen. Um beim Beispiel der Universität zu bleiben: sagen wir, Sie unterrichten hier in New York Soziologie. Wenn Sie sich zu viel beschweren, sitzen Sie sofort auf der Straße, weil Hunderte anderer Soziologen nur auf Ihren Job warten. Und so ist das überall, egal ob wir von der Finanzwelt sprechen oder vom Technologiesektor. In der neuen Wirtschaftsordnung ist das Verhältnis von Arbeitgeber zu Angestelltem eine Einbahnstraße. Der Arbeitgeber hat jenseits der Bezahlung keinerlei Verpflichtung mehr.
Das ist vor allem eine Folge der Dominanz kurzfristigen Denkens und Planens, das für Sie zum Paradigma dieser Wirtschaftsordnung geworden ist.
Sicher, das Short-Terming spielt eine riesige Rolle, es geht überall nur noch darum, Investoren kurzfristigen Profit zu gewährleisten und nirgendwo mehr darum, dauerhafte Wert zu schaffen. Aber das Problem ist auch, dass die Institutionen keine erkennbare Form mehr haben. Die Organisationen werden zunehmend chamäleonhaft, man passt sich ständig dem Geschmack des Konsumenten an und verliert dabei seine Identität. Die heutigen Wirtschaftsorganisationen sind bewusst instabil.  (…)
* Weitere Infos zu Richard SENNETT: <https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Sennett> ;  <www.richardsennett.com/site/senn/templates/home.aspx?pageid=1&cc=gb>
**  Richard SENNETT: Zusammenarbeit – Was unsere Gesellschaft zusammen hält; (DTV – München 2014 Okt.), 414 S., 12,90 Euro — ISBN-13: 9783423348379
=======
Martin Zeis
globalcrisis/globalchange NEWS
martin.zeis@gmxpro.net

Arbeitsunrecht Deutschland kritisiert Desinformation über GDL Streiksympathie durch ZDF

Arbeitsunrecht Deutschland
Arbeitsunrecht Deutschland 10. November 16:27
eben rausgeschickt: Hallo ZDF, hallo heute-Redaktion,

die Mitglieder von aktion ./. arbeitsunrecht e.V., deren facebook-Freunde und sicher auch viele Weitere Leser verschiedener Foren wundern sich, dass das Ergebnis Ihrer Umfrage „Haben sie Verständnis für den aktuellen Bahnstreik?“ vom 06.11.2014, soweit wir das verfolgt konnten, in keiner heute-Sendung erwähnt worden ist. Wir können uns kaum des Eindrucks erwehren, dass das Totschweigen des Umfrageergebnisses möglicherweise in direktem Zusammenhang damit steht, dass es sich in keinster Weise mit der medialen Hetze auf die GDL und deren Vorsitzenden deckte, an der sich das ZDF nicht unwesentlich beteiligt hat. Wie Sie dem angehängten Screenshot entnehmen können, hatten am Nachmittag des 06.11.14 78% der Umfrage-Teilnehmer Verständnis für den GDL-Streik. Wäre es nicht Ihre Pflicht gewesen, Ihre Zuschauer darüber aufzuklären, dass Sie die Sympathie für die GDL offenbar völlig unterschätzt haben? Es scheint doch, völlig entgegen der medialen Meinungsmache, so zu sein, dass ein Teil der Bevölkerung sehr wohl längst verstanden hat, dass es beim GDL-Streik keineswegs um einen Machtkampf, sondern um die Verteidigung des Grundrechtes auf Koalitionsfreiheit nach Artikel 9 des Grundgesetzes geht. Müssten Sie, um Ihren Bildungsauftrag nicht zu vernachlässigen, nicht dringend darauf hinweisen, dass Regierung, BDA, BDI und auch Teile des DGB dieses Grundrecht in Frage stellen und welche Einschränkungen und Gefahren das für die Bürger mit sich brächte? Wäre es nicht wichtig darauf hinzuweisen, dass Bahnmitarbeiter einmal verbeamtet waren und dass die jetzige Auseinandersetzung unmittelbare Folge der Privatisierung der DB ist? Möglicherweise sollten Ihre Redakteurinnen öfter einmal Nachdenkseiten lesen. Dort findet sich zum GDL-Streik mittlerweile eine ausgezeichnete Artikel-Sammlung, die sicher hervorragend zur Hintergrund-Recherche geeignet ist. Für den Anfang empfehle ich die Artikel meiner Kollegen Werner Rügemer und Elmar Wigand „Die Stunde der Heuchler“ http://arbeitsunrecht.de/gdl-streik-tarifeinheit-die-stunde-der-heuchler/ und „Entgrenzter Kampf im Arbeitskampf“ http://jungle-world.com/artikel/2014/44/50813.html – In Erwartung Ihrer Antwort und mit besten Grüßen aktion ./. arbeitsunrecht

„Vorschlag zur Güte: Wir streiken einfach alle!“ ‬

mein name ist mensch

sag´s mit bildern – ich bin ein GDL-Weselsky Versteher !
„Vorschlag zur Güte: Wir streiken einfach alle ‪#‎gdlstreik‬‪#‎gdlversteher‬

mehr zum Thema

Bahnstreik – Ich bin ein GDL-Versteher!

Die Lokomotivführergewerkschaft GDL hat es in diesen Tagen nicht eben leicht. Ihr Vorsitzender Claus Weselsky wird in den Medien als eine Art Atilla der Lokführerkönig dargestellt, während der Streik der Eisenbahner in der veröffentlichten Meinung zum Untergang des Abendlandes hochgeschrieben wird. Hinter den Kulissen wurde zur heiligen Hetzjagd auf das Gespenst der Lokführergewerkschaft geblasen – beteiligt ist neben der Deutschen Bahn AG, den Medien und der SPD auch die DGB-Gewerkschaft EVG, die im offenen Clinch mit der GDL liegt. Dabei hat die GDL allen Grund, der EVG ein wenig Konkurrenz zu machen. Die EVG und vor allem deren Vorgängerin Transnet ist nämlich nicht gerade ein Ruhmesblatt für die Geschichte der Gewerkschaften in Deutschland. Von Jens Berger.

Dieser Beitrag…

Ursprünglichen Post anzeigen 10 weitere Wörter

GDL-Streiks: Claus Weselsky im Gespräch mit Tobias Armbrüster – DLR 04.11.2014

GDL-Streiks „Wir sind in die Nähe von Terroristen gestellt worden“

Claus Weselsky im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky, geht am 17.10.2014 in Dresden (Sachsen) auf dem Hauptbahnhof zu einem Pressestatement

Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

Der Chef der Gewerkschaft GDL, Claus Weselsky, sieht die Deutsche Bahn verantwortlich für die drohenden neuen Streiks der Lokführer. Im DLF beklagte er ein Tarifdiktat des Konzerns und außerdem eine Hetzkampagne gegen die GDL und ihn persönlich.

Eine schnelle Lösung im Tarifkonflikt mit der Bahn ist derzeit nicht absehbar. GDL-Chef Weselsky kritisierte die Haltung des Konzerns, der verlange, dass in den Verhandlungen Grundrechte „an der Garderobe“ abgegeben werden müssten, wie etwa die Koalitionsfreiheit – die Basis für Gewerkschaftsarbeit. (…)

Wieviel Markt hält der Mensch noch aus? – Franz J. Hinkelammert – Utopie Kreativ Heft 113 März 2000

Zeitschrift «Utopie Kreativ» (Archiv)
Autor/Innen: Franz J. Hinkelammert
Erschienen: März 2000

Wieviel Markt hält der Mensch noch aus?

Utopie Kreativ Heft 113 März 2000

UTOPIE kreativ, H. 113 (März 2000), S. 223-231

Franz J. Hinkelammert – Jg. 1931; studierte Wirtschafts-wissenschaften in Freiburg, Hamburg und Münster, seit 1963 in Lateinamerika tätig, seit 1976 Professor für Wirtschafts-wissenschaften an den Universitäten Tegucigalpa (Honduras) und Heredia (Costa Rica) sowie Mitarbeiter am Ökumenischen Forschungszentrum (Departamento Ecumenico de Investigaciones, Apartado Postal 389-2070, Sabanilla, San José, Costa Rica); veröffentlichte u.a.: »Die ideologischen Waffen des Todes. Zur Metaphysik des Kapitalismus« (1985) und »Kritik der utopischen Vernunft. Eine Auseinandersetzung mit den Hauptströmungen der modernen Gesellschafts-theorie« (dt. 1994).

Der vorliegende Beitrag wurde erstmals publiziert in: »Junge Kirche. Zeitschrift europäischer Christinnen und Christen«, Heft 5/98 (Mai 1998), S. 265-275.

Am 14. März 2000, 19 Uhr spricht Franz J. Hinkelammert in Rosa-Luxemburg-Stiftung, Franz-Mehring-Platz 1 in Berlin-Friedrichshain zum Thema: Gerechtigkeit – wider den eurozentristischen Blick

Diese Verantwortung ergab sich nicht nur als eine ethische Verantwortung, sondern ebenso sehr als Bedingung der Möglichkeit allen zukünftigen Lebens auf der Erde. Die ethische Forderung und die Bedingung der Möglichkeit des menschlichen Lebens ergaben sich als eine einzige Forderung. Das Ethische und das Nützliche hatten sich vereinigt trotz aller positivistischen Denktraditionen, die seit langem beide Elemente sorgsam zu trennen versuchten.

Aufs neue ergibt sich die Verantwortung des Menschen für die Erde. Aber dieses Mal handelt es sich um eine Verantwortung gegenüber den Auswirkungen der Methoden der empirischen Wissenschaften.

In all den genannten Formen zwingt sich uns die Verantwortung für eine globalisierte Wirklichkeit gleichsam auf, obwohl sich die Verantwortung keineswegs automatisch ergibt. Unsere Gegenwart ist eher durch die Ablehnung oder die Umgehung dieser Verantwortung gezeichnet. Dennoch handelt es sich um eine Verantwortung, der gegenüber es keine Neutralität gibt. Wir sind verantwortlich, auch wenn wir es nicht wollen, selbst wenn wir es nicht können. Lehnen wir die Verantwortung ab, werden wir sie nicht los, sondern sind verantwortungslos. Wir entkommen der Wahl nicht. Entweder machen wir uns verantwortlich für den Globus oder wir nehmen teil an seiner Zerstörung.

Aber wenn ich mich als Teil der Menschheit oder als Subjekt einer Reihe von menschlichen Generationen verstehe, ist dieser zynische Ausweg der Verantwortungs-losigkeit verschlossen. Dann muß ich die Verantwortung übernehmen. Ethik und Nützlichkeit vereinigen sich und stehen damit im Widerspruch zum Nutzenkalkül. (…)

Die Zerreißprobe als Grenze

Der General Massis (gemeint wohl: MASSU StB), der die militärischen Operationen während des Algerienkrieges leitete, sagte: »Die Folter ist effizient, folglich ist sie notwendig.« Von der Effizienz geht er über zur Notwendigkeit. Aber eine solche Effizienz ist nur möglich dadurch, daß man bis an die Grenze des Möglichen vorstößt. Die Folter ist nur effizient, wenn sie den Gefolterten bis zur Grenze des Erträglichen treibt.

Es ist wie bei der Materialzerreißprobe. Man weiß die Grenze niemals ex ante. Reißt das Material, weiß man, daß man die Grenze der Belastbarkeit überschritten hat, das heißt, man weiß es ex post. Im Fall des Materials weiß man jetzt, bis zu welchem Punkt man es belasten kann.

Im Falle der Folter aber ist das anders. Überschreitet man die Grenze, ist der Gefolterte tot. Aber die Grenze der Belastbarkeit kann man nur wissen, indem man sie überschreitet. Dieses Wissen kann man allerdings, im Unterschied zur Materialzerreißprobe, nicht mehr anwenden. Die Effizienz aber braucht diesen Begriff der Grenze und braucht die Vorstellung, die Probe bis zur Grenze zu treiben.

Diese Vorstellung der Folter ist bereits in der Wiege der Erfahrungswissenschaften zu finden. Vor mehr als 300 Jahren kündigte Francis Bacon die Naturwissenschaften mit dieser Vorstellung an: ›Man muß die Natur auf die Folter spannen, bis sie ihre Geheimnisse preisgibt.‹ Er faßte die Naturwissenschaften als ununterbrochene Vivisektion der Natur auf. Ganz wie der General Massis hätte auch er sagen können: »Die Folter ist effizient, folglich ist sie notwendig.«

Auf die Frage eines Journalisten: »Was wird also Ihrer Ansicht nach in einer modernen globalisierten Wirtschaft geschehen?« antwortet Thurow: »Wir testen das System? Wie tief können die Löhne fallen, wie hoch kann die Arbeitslosenquote steigen, ehe das System bricht. Ich glaube, daß die Menschen sich immer mehr zurückziehen … Ich bin überzeugt daß der Mensch in der Regel erst dann die Notwendigkeit einsieht, Dinge zu ändern, wenn er in eine Krise gerät« (Spiegel 40/96, S. 146).

Das ist die Materialzerreißprobe, jetzt angewendet auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Denn es wird nicht einfach das System getestet, sondern alle Menschlichkeit.

Darauf folgt dann die Frage eines Journalisten: »Wieviel Markt hält Demokratie aus?« Und eine Zeitschrift fragt: »Wieviel Sport ertragen die Alpen?«

Alles wird gefoltert, alles wird der Zerreißprobe ausgesetzt: die Natur, die zwischenmenschlichen Beziehungen, das Leben und der Mensch selbst. Der Nutzenkalkül erfaßt alles und in seiner Konsequenz zerstört er alles.

weitere Schriften von Franz Josef Hinkelammert
Der Rechtsstaat ohne Menschenrechte und die Aushöhlung unserer Demokratie; Aufsatz, 22 S., Mai 2005;
URL: http://www.rosalux.de/publication/16683/der-rechtsstaat-ohne-menschenrechte-und-die-aushoehlung-unserer-demokratie.html
pdf-Datei: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Hinkelammert_Rechtsstaat.pdf

Ulrich DUCHROW: Theologische Alternativen zum globalen Kapitalismus – Franz J. HINKELAMMERT: Der Kapitalismus als Religion; Paper, 28 S., Mai 2013, URL: http://www.rosalux.de/publication/39811/theologische-alternativen-zum-globalen-kapitalismus-der-kapitalismus-als-religion.html
pdf-Datei: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/rls_papers/Papers_TheologAlternativen.pdf