DRINGENDER Aufruf gegen die Kriminalisierung gewaltfreien Widerstandes gegen Entrechtung der Palästinenser: Bundesdeutsche Demokratie anno 2019 – DOKUMENTE

Guten Tag,
im Folgenden leite ich einen Aufruf von Ulrich Duchrow aus Heidelberg weiter. Duchrow ist emeritierter Professor für systematische Theologie, arbeitete viele Jahrzehnte auch in internationalen kirchlichen Gremien an Fragen der gerechten Globalisierung. Insbesondere zwei seiner Veröffentlichungen möchte ich empfehlen:
Ulrich Duchrow, Franz Josef Hinckelammert: Leben ist mehr als Kapital. Alternativen zur globalen Diktatur des Eigentums. Publik-Forum-Verlag (Grundlagenwerk)
Duchrow u.a.: Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus – Wege zu ihrer Überwindung. VSA-Verlag
(u.a. zur Bedeutung des Verhaltens der Mittelschicht für eine gesellschaftliche Transformation; aktuell angesichts des Aufstiegs rechtsnationaler Parteien)
Freundliche Grüße von
Elke Schenk

Betreff: DRINGENDER Aufruf gegen die Kriminalisierung gewaltfreien Widerstandes gegen Entrechtung der Palästinenser: Bundesdeutsche Demokratie anno 2019 – DOKUMENTE
Datum: Donnerstag, 16. Mai 2019, 11:48:17 CEST
Von: Ulrich Duchrow
An: ulrich.duchrow@wts.uni-heidelberg.de

Liebe Freundinnen und Freunde,
verzeihen Sie/verzeiht die Mühe, die ich Ihnen
und Euch damit mache, den folgenden Brief zu
lesen und hoffentlich danach zu handeln.

Ich bin entsetzt, dass nach AfD, FDP und Grünen
nun auch die Groko-Parteien den gewaltfreien
Widerstand gegen die Entrechtung der
PalästinenserInnen durch den Staat Israel
kriminalisieren wollen. Morgen, Freitag, d.
17.5., wird ein interfraktioneller Antrag dazu in
den Bundestag eingebracht, diskutiert und
entschieden werden. Das heißt, alle deutschen
Parteien außer der Linken lassen sich von
Netanjahu und seiner ultrarechten Regierung
instrumentalisieren und rufen implizit zur
Missachtung des Völkerrechts und der
Menschenrechte auf. Denn nach der 2005 erfolgten
Einführung der gewaltfreien Bewegung für Boykott,
Desinvestment und Sanktionen (BDS) durch die
Zivilgesellschaft Palästinas (nach den
vergeblichen gewalttätigen Intifadas) richtete
die israelische Regierung ein Ministerium für
strategische Angelegenheiten und Hasbara
(Propaganda) ein. Dieses bekämpft mit großen
Haushaltsmitteln BDS, indem es diese Bewegung als
antisemitisch verleumdet, obwohl diese nur
fordert, was Völkerrecht und Menschenrechte
fordern, und obwohl viele jüdische Menschen (und
auch Kirchen wie z.B. in USA, Canada, Schottland
und Südafrika) sie unterstützen (s. die Erklärung
des jüdischen Psychologen Rolf Verleger im
Anhang). In Deutschland werden die gewaltfreien
Methoden gegen das Unrechtshandeln des Staates
Israel demagogisch mit der Nazi-Parole „Kauft
nicht bei Juden“ identifiziert – so als ob die
BürgerInnen Hitler und Gandhi nicht unterscheiden könnten.

Da nun in Deutschland im Jahr des Grundgesetzes
die Meinungsfreiheit im Blick auf die
Völkerrechts- und Menschenrechtsverletzungen
durch den Staat Israel und auf die Solidarität
mit den PalästinenserInnen abgeschafft werden
soll, bitte ich herzlich, durch Unterschrift
unter die von jüdischen MitbürgerInnen initiierte
Petition dagegen zu protestieren:
https://www.openpetition.de/petition/online/wir-sagen-der-fdp-einsatz-fuer-menschenrechte-ist-nicht-antisemitisch. Hier finden sich die Begründungen für die
Petition in Kurzfassung für diejenigen, die die
längeren Links und Anhänge unten nicht lesen.
Außerdem: Wer immer Bundestagsabgeordnete kennt
oder sich in seinem/ihrem Wahlkreis engagieren
möchte, sollte sie noch heute dringend dazu
aufrufen, morgen Grundgesetz, Völkerrecht und Menschenrechte zu verteidigen.

Mit herzlichem Dank für die Solidarität und vielen Grüßen
Ulrich Duchrow

PS
Hier der AUFRUF von 60 jüdischen und israelischen
WissenschaftlerInnen AN DIE DEUTSCHEN PARTEIEN,
BDS NICHT MIT ANTISEMITISMUS GLEICHZUSETZEN :
https://
de.scribd.com/document/410140639/Aufruf-von-Judischen-und-Israelischen-Wissenschaftler-an-Deutsche-Parteien-zu-BDS

Protestschreiben Entwurf Verleger.doc

ANMERKUNG zur Behandlung der Petition nach dem Beschluss des Bundestags vom 17.05.2019 auf der Petitionsseite:

+++

vor 2 Tagen

Wir lassen die Liste noch weiter offen. Gerade hat z. B. Hans-Christof von Sponeck unterzeichnet, vor drei Tagen noch Prof. Friedhalm Hengsbach SJ
***
Am Freitag, 17. Mai, beschloss nun der Bundestag den Antrag von CDU/CSU-SPD-FDP-DIE GRÜNEN:
Der BDS-Bewegung entschlossen entgegentreten – Antisemitismus bekämpfen (Link1, am Ende dieser Nachricht)

Hier ein differenzierter Bericht in einem Leitmedium – der Tagesschau (in dem man erfährt, dass es intern erstaunlich viel Widerspruch gab):
Zähneknirschend einig (Link 2, am Ende dieser Nachricht)

Und ein vernünftiger Kommentar in der taz
Die Erstaunlichkeit des Diskurses (Link 3)

Und ein hervorragender Kommentar von Gideon Levy in haAretz (auf Englisch): Germany, shame on you and your anti-BDS-resolution (Link 4)

Im Vorfeld berichtete der SPIEGEL zweimal sehr vernünftig – durch ihn erfuhren unsere von Tatsachen weitgehend unbeleckten Politiker überhaupt nur vom Protest israelischer liberaler Intellektueller (Link 5)
Der SPIEGEL: Streit um Israel-Beschluss im Bundestag (Link 6) und: Unionspolitiker äußern Bedenken gegen Israel-Beschluss (Link 7)

Aufgrund unserer Petition schickten wir am Freitag Vormittag dieses Schreiben an die Fraktionsvorsitzenden:
Aufstand der Anständigen: 2000 Unterschriften gegen Anti-BDS-Beschluss (Link 8, am Ende dieser Nachricht)

Darin heißt es:
Dass Sie mit Ihrem Antrag Antisemitismus bekämpfen wollen, ist Orwell’sche Neusprech. Hier geht es um Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, elementare Bestandteile des Grundgesetzes. Wollen Sie lieber das Grundgesetz an Ihre Israelpolitik anpassen als die Israelpolitik an das Grundgesetz? Wollen Sie nicht eindeutig Partei für die Menschenrechte ergreifen? Die vielbeschworene „deutsche Verantwortung“ kann in nichts anderem bestehen.

Und schließlich – weil es so schön zeigt, auf welchem Niveau unsere Politiker argumentieren – hier nochmal der zentrale Vorwurf gegen die BDS-Bewegung aus dem Anti-BDS-Beschluss des Landtags von NRW (Link 9). Das ist wichtig, weil dieser Beschluss im FDP-Antragsentwurf und im überfraktionellen Antrag zunächst ausdrücklich begrüßt wurde. Dieses Begrüßen wurde kurz vor der Abstimmung noch herausgestrichen (wahrscheinlich weil die Diskrepanz zu den Fakten zu peinlich war).

Im Text des NRW-Landtagsbeschlusses wird als Tatsache berichtet:
„In Berlin haben BDS-Anhänger ein Podiumsgespräch mit einer Holocaust-Überlebenden gestürmt und diese niedergebrüllt.“ Dies sei „eine Schande“ und „klar antisemitisch“.
Die Wahrheit ist: Es handelte sich bei diesem nebensächlichen Ereignis vor zwei Jahren um zwei, höchstens drei Dissidenten in einem halbleeren Seminarraum; das „Stürmen und Niederbrüllen” war ein energisches, monologisierendes Dazwischenreden aus der fünften Reihe, ohne diesen Platz zu verlassen; dies endete nach kurzer Zeit durch das Eingreifen zweier breitschultriger Ordner. Siehe dazu das Video (Link 10). Niemals wurde ein Podium „gestürmt“ – es gab gar kein „Podium“ in diesem kleinen Seminarraum. Und die Pointe: Nach Aussage von Frau Weinstein (Link 11), der „Holocaustüberlebenden”, waren die Zwischenrufer in der Tat BDS-Anhänger, aber es seien weder blutrünstige Dschihadisten noch judenhassbesessene Germanen gewesen, sondern jüdische Israelis.

Hier wird also politischer Dissens jüdischer Israelis in einen Terrorakt umfantasiert und als „antiisraelisch“ und „antisemitisch“ bezeichnet – man kann wohl mit Fug und Recht sagen: verleumdet. Das ist nichts anderes als Propaganda. Es ist eine Schande, dass sich deutsche Parlamentarier dazu hergeben.

Im Namen der Unterzeichner
Rolf Verleger

Links:
(1) dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/101/1910191.pdf
(2) www.tagesschau.de/inland/antisemitismus-bundestag-101.html
(3) www.taz.de/Kommentar-BDS-Votum-im-Bundestag/!5596313/
(4) www.haaretz.com/opinion/.premium-germany-shame-on-you-and-your-anti-bds-resolution-1.7254386
(5) de.scribd.com/document/410140639/Aufruf-von-Judischen-und-Israelischen-Wissenschaftler-an-Deutsche-Parteien-zu-BDS
(6) www.spiegel.de/politik/deutschland/israel-streit-um-anti-bds-beschluss-im-bundestag-a-1267584.html
(7) www.spiegel.de/politik/deutschland/israel-politiker-von-union-und-gruenen-aeussern-bedenken-gegen-bds-beschluss-a-1267950.html
(8) www.openpetition.de/pdf/blog/wir-sagen-der-fdp-einsatz-fuer-menschenrechte-ist-nicht-antisemitisch_aufstand-der-anstaendigen-2000-unterschriften-gegen-anti-bds-beschluss_1558080748.pdf
(9) www.landtag.nrw.de/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-3577.pdf
(10) twitter.com/AbbsWinston/status/877889630577860608?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E877889630577860608&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.bz-berlin.de%2Fberlin%2Fmitte%2Fholocaust-ueberlebende-an-humboldt-uni-niedergebruellt
(11) www.tagesspiegel.de/berlin/vorfall-an-berliner-humboldt-uni-holocaust-ueberlebende-war-geschockt-von-stoerern/19988488.html

vor 4 Tagen

Liebe Unterzeichner der Petition an die FDP-Fraktion,

unter obiger Überschrift habe ich nun an die Bundestagsfraktionen geschrieben. Der Text meines Schreibens – hier als Beispiel an die CDU-Fraktion – ist beiliegend unter dem Link zu lesen.

Jetzt soll dieses Schreiben selbstverständlich auch noch an die Presse.
Bitte informieren auch Sie die Medien.

Entgegen meiner gestrigen Ankündigung möchte ich die Petition doch noch offen lassen. Es ist ja denkbar, dass nun noch weitere Menschen ihre Enttäuschung über diesen Beschluss auf diese Weise ausdrücken möchten.
Warten wir mal die weitere Entwicklung ab!

Mit besten Grüßen
für die Initiatoren dieser Unterschriftenliste:
Rolf Verleger

Rufmordkampagnen gegen Israelkritiker – Rainer Rupp im Interview mit Annette Groth (Die Linke)

28.10.2018 RT – Deutsch

Warum wird man so schnell als Antisemit stigmatisiert, wenn man Israel kritisiert? Warum geht die israelische Regierung so scharf gegen die BDS-Bewegung vor? Diese und andere Fragen besprach Rainer Rupp der Linken-Politikerin Annette Groth.

Quelle: Rufmordkampagnen gegen Israelkritiker – Rainer Rupp im Interview mit Annette Groth (Die Linke)

Albrecht MÜLLER – Rainer MAUSFELD: Umtriebe einer Gedanken- und Gesinnungspolizei

Guten Tag,

seit einiger Zeit nehmen Formen einer „Gedanken- und Gesinnungspolizei“ gegenüber Journalisten, Wissenschaftlern, Aktivisten zu, die sich mit brisanten, herrschaftskritischen und vom Mainstream tabuisierten Themen befassen. Die Folge sind die Denunziation und Diffamierung der entsprechenen Personen, Gruppen oder Organisationen (beliebt sind Vorwürfe „Verschwörungstheoretiker“ oder „Antisemiten“ zu sein) und der Ruf nach „Kontaktsperre“, also Abgrenzung und Ausgrenzung. Auch (pseudo)linke Medien oder NGOs beteiligen sich an dieser Art der Diffamierung bis hin zu inquisitorischem Vorgehen.

Dazu im Folgenden (1) die Erfahrung und Intervention von Albrecht Müller, Mitherausgeber der NACHDENKSEITEN, und (2) die Antwort des Kieler Psychologieprofessors Rainer Mausfeld. Die vollständigen Texte sind als Datei im Anhang verfügbar.

An dieser Stelle sei ergänzend noch einmal auf den Vortrag von Prof. Rainer Mausfeld an der Christian Albrechts Universität Kiel, am 22.06.2015 „Warum schweigen die Lämmer“ hingewiesen, der auf dieser Liste kürzlich empfohlen wurde:

Video des Vortrags: https://www.youtube.com/watch?t=2253&v=Rx5SZrOsb6M

Rainer Mausfeld: „Warum schweigen die Lämmer?“ – Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagements

Textfassung von free21 abrufbar unter: http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/150806_Mausfeld.pdf

Viele Grüße

Elke Schenk

globalcrisis/globalchange NEWS

(1)

http://www.nachdenkseiten.de/?p=27309

24. August 2015 um 17:04 Uhr

Ein Interview zur „Gedankenpolizei“ – vom Neuen Deutschland wieder aus dem Netz genommen.

Das ist ein Interview von Jens Wernicke mit Albrecht Müller. Es war für das Neue Deutschland bestimmt. Das Blatt hatte es im Netz und nahm es nach einer internen Intervention wieder raus. Albrecht Müller.

[…]

Herr Müller, Sie sind Herausgeber der NachDenkSeiten.de, kritisieren seit Langem die Meinungsmache und Medien im Land und sprechen zurzeit von einer „Gedanken- bzw. Gesinnungspolizei“. Was meinen Sie damit?

Auf diesen Begriff kam ich, weil sich in den Monaten bis zum März 2015 Mails bei mir häuften, deren Argumentationsaufbau etwa folgendermaßen aussah: Der Einstieg war immer ähnlich: ‚Sie machen eine tolle Arbeit mit den NachDenkSeiten, ich habe auch Ihre Bücher mit Gewinn gelesen. Aber: Dass Sie sich für die Friedensbewegung engagieren und dass Sie Ken Jebsen, diesem Verschwörungstheoretiker und nachgewiesenen Antisemiten ein Interview gegeben haben, das kann ich nicht verstehen. Und mit Willy Wimmer haben Sie auch geredet. Auch dass Sie immer wieder die USA kritisieren, finde ich nicht gut.‘ Usw. usf.

Ich habe ja nichts dagegen, wenn manche unserer Leser so denken, aber dass man mir vorschreiben will, was ich denke und mit wem ich Kontakt habe und spreche, das fand und finde ich zu viel des Guten. Deshalb habe ich diese Art von Mails öffentlich gemacht und dabei von Gesinnungspolizei gesprochen. Seitdem habe ich übrigens Ruhe. Ich bekomme keine verlogenen, schleimigen Mails mehr. Dafür viele andere konstruktive von Menschen, die wissen, was Toleranz bedeutet, und was sie von uns verlangt.

Das klingt sehr nach einem „Spalte und Herrsche“-Mechanismus…: Es gibt immer mehr soziale Not im Land und gleichzeitig immer mehr Denk- und Redetabus – und in Summe schwächt das vor allem die kritischen Stimmen im Land. Ist es so in der Art?

Ja, das hat auch eine soziale Seite. Um die Not der Unterschicht kümmert man sich nicht mehr. Und es hat eine politische Seite. Denken Sie etwa an die Rote-Socken-Kampagne von CDU und CSU und der mit ihnen verbundenen Medien. Das war der gelungene Versuch, ein Kontaktverbot für SPD und Grüne nach links hin auszusprechen. Damit hat man es geschafft, die seit Jahren mögliche Koalition links von Frau Merkel zu verhindern. Und eben auch, unserem Land den Zugang zu einer politischen Alternative zu versperren.

Hätten Sie da denn ein konkretes Beispiel zum Agieren der „Gesinnungspolizei“ für uns?

Ja, ich hatte in den NachDenkSeiten davon geschrieben, wir lebten quasi im Status einer Kolonie. Anlass war der Spatenstich für das größte Militärhospital der USA außerhalb ihres eigenen Landes in Landstuhl in der Pfalz. Da gab es ein bezeichnendes Foto in meiner Regionalzeitung: Die Bundesbauministerin machte einen strammen Diener vor dem zuständigen US-amerikanischen General.

Daraufhin meldete sich ein Herbert Müller aus Berlin, wie sich dann herausstellte ein Typ, der unter dem Namen „Genova“ im Netz unterwegs ist, und andere Menschen des Antisemitismus bezichtigt. Er zitierte damals die Definition von Kolonie und bestritt, dass dies zu unserem Verhältnis zu den USA passe. Außerdem beklagte er sich, dass Artikel der NachDenkSeiten bei Ken Jebsen verlinkt werden.

Und was ist Ihre Antwort hierauf – auf all diese Verbote, Tabus und die damit geschürte „Kontaktangst“ und den kritischen Stimmen im Land?

Nun, ich habe mich entschlossen, mir nicht von anderen vorschreiben zu lassen, mit wem ich Kontakt haben darf, wen ich achte und zitiere und mit wem ich mit Respekt umgehe. Nicht nur, aber auch, weil Dialog wichtig ist – und wir ohne eben diesen allzu schnell auf Kampagnen und Lügen über andere hereinfallen würden.

Ich will dazu noch ein Beispiel nennen: Seit den siebziger Jahren habe ich mit Andreas von Bülow zu tun. Unsere Familien waren in der gemeinsamen Bonner Zeit befreundet. Er war in der Zeit der Nachrüstungsdebatte bei einem Pleisweiler Gespräch. Jetzt sieht er die Rolle der USA, ihrer Geheimdienste und auch die Hintergründe von 9/11 etwas anders und härter als ich. Und er wird dafür gescholten, ein Verschwörungstheoretiker zu sein. Ich denke dennoch nicht im Traum daran, diesen Urteilen zu folgen und meinen Respekt für ihn der allgemeinen Stimmungsmache zu opfern.

Ich könnte eine Reihe anderer Beispiele nennen, will aber die etwas allgemeinere Bemerkung anfügen: Die Intoleranz und die Etikettenverteilung, die hierzulande gerade üblich wird, sollten wir nicht mitmachen. Und wir sollten hart dagegen angehen. Das habe ich im März getan. Es hat gewirkt. Weil Denunzianten nämlich zugleich Feiglinge sind.

Albrecht Müller, geboren 1938 in Heidelberg, ist ein Volkswirt, Publizist und Politiker. Müller war Planungschef im Bundeskanzleramt unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt. Weiter war er von 1987 bis 1994 für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestages und ist seit 2003 als Autor und Mitherausgeber der NachDenkSeiten tätig.

(2)

http://www.nachdenkseiten.de/?p=27333

Lieber Herr Müller,

Danke für Ihren gestrigen (ebenso wie vom April) Beitrag zur Gedankenpolizei! Es ist gut und wichtig, daß diese Dinge einmal im hellen Licht der NachDenkSeiten thematisiert werden.

Ich habe entsprechende Reaktionen auch auf meinen Vortrag erhalten. Das Schema ist – genau, wie Sie es beschreiben – immer dasselbe. Ein besonders forsches Beispiel hänge ich Ihnen unten an; hier verbirgt sich das Geraune des Denunziantentums, durch das eine Kleininquisitorin die Ränder für den

‚vernünftigen‘ und ‚zulässigen‘ Bereich des Spektrums zu markieren sucht, unter dem vorgeblich seriösen Mantel einer Presseanfrage. – Eine der schlichtesten und wirksamsten Propagandatechniken ist ja gerade, die Grenzen zwischen ‚vernünftigen‘ und ‚unvernünftigen’/’unverantwortlichen‘ Positionen zu markieren. Mit dem Werkzeug der Massenmedien ist dies mühelos zu bewerkstelligen; doch auch sonst finden sich offensichtlich immer bereitwillige Trolle, „Hiwi’s“ etc., die mit zähem Eifer festzulegen suchen, welche Personen als ‚Schmuddelkinder‘ anzusehen sind, mit denen (oder auch deren Bekannten) man nicht spielen, also reden darf.

Die deutschen Linken haben ja seit je eine besondere Neigung, einen „Narzißmus der kleinen Differenzen“ (Freud) zu pflegen und einen Großteil ihrer Energie auf Ausgrenzungs- und Abgrenzungsarbeit zu verwenden – eine recht erfolgreiche Selbst-Zersetzungsarbeit, die den Eliten ermöglicht, sich behaglich in einen Narzißmus der großen Differenzen zum Rest der Bevölkerung einzurichten.

Das Denunziantentum – vor allem in der Anonymität sozialer Netzwerke – scheint mir mittlerweile jedoch noch eine andere, neue Qualität zu haben. Hier scheint der Humus bereitet zu werden für eine Art von Astroturfing (Wikipedia zu Astroturfing[1], A.M.), das darauf zielt, die eigentlich relevanten gesellschaftlich-politischen Sachfragen zu verdunkeln und zu vernebeln und soziale Bewegungen, die den Zentren der Macht gefährlich zu werden drohen, gleichsam von Innen zu vergiften und für die Öffentlichkeit zu diskreditieren. Das ist sicherlich die kostengünstigste und wirksamste Form der ‚Aufstandsbekämpfung‘. Es wäre daher überraschend, wenn solche Techniken, soziale Bewegungen durch systematische Infusion geeigneter Vorwurfsgifte gleichsam von Innen zu zersetzen, nicht systematisch verfeinert würden. – In jedem Fall erscheint mir dies ein sehr ernsthaftes Problem zu sein, von dem alle sozialen Bewegungen in Zukunft zunehmend bedroht sein werden.

Um so bewundernswerter und verdienstvoller finde ich die Klarheit und

Beharrlichkeit, mit der Sie in all den langen Jahren in den bisweilen getrübten Gewässern den Kurs der Aufklärung halten!

Herzliche Grüße

Rainer Mausfeld

[…]

MUELLER-MAUSFELD-Gedanken-Gesinnungspolizei-NDS2015_08.pdf