Rainer MAUSFELD: „Wir leben in einer Zeit der Gegenaufklärung“ – Interview mit Paul SCHREYER, TP 02.10.2018

Liebe Leute,

in einem Interview mit Paul SCHREYER skizziert Rainer MAUSFELD wesentliche Inhalte seines eben erschienenen Buchs: Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören, (Westend-Verlag, 304 S. 24 Euro).

Grüße,
Martin Zeis

– A u s z u g –

02.10.2018 — http://www.heise.de/tp/features/Wir-leben-in-einer-Zeit-der-Gegenaufklaerung-4178715.html?view=print

„Wir leben in einer Zeit der Gegenaufklärung“

02. Oktober 2018 Paul Schreyer

Der Psychologe Rainer Mausfeld über die Illusion des Informiertseins, eine „Verachtung des Volkes“ und Journalisten und Intellektuelle, „die sich wie Eisenspäne in den Kraftfeldern der Macht ausrichten“

Herr Mausfeld, Sie sind vor allem bekannt für Ihre Vorträge [1], in denen es um die ver-deckte Rolle von Machteliten in unserer Gesellschaft geht. Dafür werden Sie von vielen Seiten angegriffen. Der ehemalige ARD-Journalist Hans Jessen wirft [2] Ihnen im Podcast von Tilo Jung ein „geschlossenes Weltbild“ vor, der Amerikanistik-Professor Michael Butter entdeckt in Ihrer Arbeit „verschwörungstheoretische Züge“ – was umgehend in den Wikipe-dia-Artikel zu Ihrer Person eingearbeitet [3] wurde. Überrascht Sie die Vehemenz solcher Kritik?

Rainer Mausfeld: Wir müssen natürlich Kritik und Diffamierung unterscheiden. Kritik zielt auf die Sache, Diffamierung auf die Person. Kritik beruht auf Argumenten, Diffamierung arbeitet mit einem Diffamierungsvokabular. Worum geht es mir in meinen politischen Beiträgen in der Sache? In meinen Vorträgen geht es mir weniger um Vermittlungen konkreter Inhalte und Positionen. Denn hier gibt es wie stets bei der Betrachtung komplexer Systeme einen großen Spielraum für unterschiedliche Perspektiven; ich lege jedoch in meinen Beiträgen stets offen, dass meine Perspektive durch die radikaldemokratische Tradition der Aufklärung geprägt ist.

Mir geht es in meinen Vorträgen vor allem um die Vermittlung einer Denkmethodologie, also gleichsam um das Handwerk des Denkens, mit der wir unsere alltäglichen politischen Erfahrungen wieder in einen Sinnzusammenhang einordnen können. Denn nur so können wir wieder ein Stück Autonomie gewinnen und angemessene Handlungskonsequenzen aus unseren Erfahrungen ziehen.

Was meinen Sie mit „Handwerk des Denkens“?

Rainer Mausfeld: Zum Handwerkszeug des Denkens gehören auch die in der Aufklärung verfeinerten Methoden, durch die sich unbewusste und oftmals tief verborgene politische Vorurteile aufdecken lassen. Somit gehört auch die Ideologiekritik zur Denkmethodologie. Politische Indoktrination zielt ja gerade darauf, in uns die Art von Vorurteilen zu erzeugen, die dazu beitragen, den Status der Machtausübenden zu stabilisieren. Da also Ideologiekritik stets Machtkritik ist, kann man nicht erwarten, dass dies bei den jeweils Mächtigen auf Begeisterung stößt.

Nun ist, wie der große Demokratietheoretiker Sheldon Wolin treffend feststellte, in unseren kapitalistischen Demokratien jede Form von Dissens erlaubt oder als Revolutionsprophylaxe sogar erwünscht, solange der Dissens politisch unwirksam bleibt. Zur Eingrenzung, Neutralisierung und Ächtung von unerwünschtem Dissens gibt es ein großes Spektrum an erprobten Möglichkeiten eines Dissensmanagements.

Methoden und Funktionsweisen eines Dissensmanagements können wir besser verstehen, wenn wir statt auf Personen auf seine strukturellen Eigenschaften fokussieren. Zu diesen gut untersuchten und seit langem bekannten strukturellen Eigenschaften gehört es, dass in allen Machtstrukturen besonders Journalisten, Intellektuelle und Wissenschaftler, die in gesellschaftsrelevanten Bereichen arbeiten, eine Tendenz aufweisen, sich wie Eisenspäne in den Kraftfeldern der Macht auszurichten.

Folglich finden sich in allen Machtstrukturen gerade unter Personen, die über besondere Möglichkeiten verfügen, sich in eine öffentliche Debatte einzubringen, bereitwillige Vertreter, die gleichsam als Bannwarte der Macht agieren und in vorauseilendem Opportunismus alles, was sie für einen unzulässigen Dissens halten, mit Diffamierungsbegriffen belegen.

Da sie auf diese Weise den in Politik und Medien Mächtigen bezeugen, dass sie die herrschende Ideologie tief internalisiert haben, werden sie dafür vor allem im journalistischen und akademischen Bereich oft mit entsprechenden Karrierechancen belohnt. Diese Mechanismen eines Dissensmanagements in kapitalistischen Demokratien sind seit langem wohlbekannt.

Das heißt, Vorwürfe wie „geschlossenes Weltbild“ oder „Verschwörungstheorie“ kommen für Sie nicht gerade unerwartet?

Rainer Mausfeld: Da meine Vorträge darauf zielen, Denkmethoden aufzuzeigen, mit denen sich die Diskrepanz zwischen Ideologie und Realität besser sichtbar machen lässt, und da die Machtausübenden gerade darauf angewiesen sind, politischen Dissens in Bahnen zu halten, die für sie risikofrei sind, überrascht es mich nicht, zum Ziel von Diffamierungsbemühungen zu werden.

Da sich ihre Urheber in den von Ihnen genannten Fällen nicht einmal die Mühe machen, etwas anzuführen, das sie als Argumente oder Belege ansehen, haben diese Anwürfe mit mir und den Inhalten, die ich zu vermitteln suche, nichts zu tun. Das ist eigentlich für jeden, der sich ernsthaft mit meinen Beiträgen beschäftigt, klar erkennbar. Wer nun dennoch meint, eine ernsthafte Auseinandersetzung durch ein paar hingeworfene Schmähwörter ersetzen zu können, wird mit einer solchen intellektuellen Selbstauskunft leben müssen.

Sprache als Herrschaftsinstrument

Damit sind wir schon mitten im Thema – die Rolle der Sprache. Sie sagen: „Wer die Sprache beherrscht, also die Begrifflichkeiten und Kategorien, in denen wir über gesellschaftlich-politische Phänomene nachdenken und sprechen, hat wenig Mühe, auch uns zu beherrschen.“ Da fallen einem schnell beliebte Vokabeln wie „Populismus“ oder eben „Verschwörungstheorie“ ein – Worte, die das Denken beschränken und mit denen bestimmte Ansichten für indiskutabel erklärt werden. Was zur Frage führt: Kann eine Gesellschaft, die ihr eigenes Denken zunehmend beschränkt, überhaupt noch kluge Entscheidungen treffen?

Rainer Mausfeld: Politischer Kampf bedeutet stets Kampf um Definitionsmacht und um die Aneignung von Wörtern. Daher ist Sprache in der Tat neben Panzern das wichtigste Herrschaftsinstrument. Da Demokratien die Möglichkeiten eines Einsatzes physischer Gewalt begrenzen, sind die Machtausübenden darauf angewiesen, die Stabilität von Machtverhältnissen auf anderen Wegen zu sichern. Über die Sprache lässt sich dies besonders wirkungsvoll bewerkstelligen. Beispielsweise über eine orwellsche [5] Neubestimmung sehr grundlegender Begriffe wie Freiheit und Demokratie oder auch durch das riesige Vokabular von neoliberalen Falschwörtern wie Liberalisierung, Globalisierung, Deregulierung oder Reform.

Über die Sprache lassen sich auch ganze ideologische Denk- und Erklärungsrahmen vermitteln, die wir dann meist unbewusst zur Einbettung unserer täglichen politischen Erfahrungen verwenden. Etwa die Rahmenerzählung einer „westlichen Wertegemeinschaft“ – ein für ihre Millionen Opfer besonders folgenschweres Beispiel. Diese ideologischen Rahmenerzählungen werden durch ein breites Spektrum an politischem Kampfvokabular gegen Einwände abgesichert. Gegenwärtig haben dabei vor allem die Begriffe Populismus und Verschwörungstheorie Hochkonjunktur, mit denen sich der neoliberale „Fanatismus der Mitte“ – übrigens ein Begriff, den der bedeutende Verfassungsrechtler Helmut Ridder schon 1979 verwendete – als alternativlos zu deklarieren sucht.

Wie schätzen Sie die heutige Verwendung des Begriffes „Populismus“ denn ein?

Rainer Mausfeld: Man muss sich nur die Wahlplakate der jeweiligen Regierungsparteien der vergangenen, sagen wir, 40 Jahre ansehen, um den Beitrag zu erkennen, der hier zur Komplexitätsvermittlung geleistet wurde. Die heute mit dem Populismusvorwurf belegten politischen Erscheinungsformen kann man wohl als eine Art Nemesis – also sozusagen als ausgleichende Gerechtigkeit – für die grundlegende Verachtung des Volkes verstehen, die kennzeichnend für alle Eliten westlicher Demokratien ist.

Diese Verachtung des Volkes entlädt sich nun mit populistischer Wucht und Unberechenbarkeit, oft auf der Basis von Affekten, die zu den dunklen Seiten der menschlichen Natur gehören. Bei diesen Affekten handelt es sich oft um Abwehraffekte gegen die eigenen Gefühle politischer Ohnmacht, die sich nun vor allem gegen die sozial Schwächsten entladen. Diese Gefühle politischer Ohnmacht, das sollten wir nicht vergessen, wurden und werden seit Jahrzehnten in sehr systematischer Weise erzeugt, um das Volk von einer politischen Partizipation fernzuhalten.

Können Sie das erläutern?

Rainer Mausfeld: Die neoliberale Phantom-Mitte betreibt seit Jahrzehnten ein Umverteilungsprojekt, das gegen die Mehrheit der Bevölkerung gerichtet ist. Dieses neoliberale Projekt ist nur möglich, wenn zuvor die in langen Jahrzehnten mühsam gewonnene demokratische Substanz abgebaut oder zumindest neutralisiert wird. Die Entmachtung der Legislative, also des Parlaments, durch die Exekutive ist nur ein, wenn auch ein besonders folgenschwerer Aspekt. Eine so massiv gegen die Interessen der Mehrzahl der Bevölkerung gerichtete Politik kann der Bevölkerung auf die Dauer trotz massiver Indoktrinationsbemühungen nicht verborgen bleiben.

Es ist also wenig überraschend, dass immer mehr Menschen die Brüche zwischen Ideologie und Realität erkennen. Entsprechend erhöhen sich in der Bevölkerung das Misstrauen in die politischen Institutionen, das Empörungspotential und damit das Veränderungsbedürfnis. Die neoliberale Phantom-Mitte benötigt daher zur Sicherung ihrer Macht den von ihr wesentlich mithervorgebrachten Rechtspopulismus. Ja, sie ist mittlerweile geradezu symbiotisch auf ihn angewiesen, weil sie ihn als Mittel zur Angsterzeugung benötigt, um mit dieser Drohkulisse das wachsende Veränderungsbedürfnis der Bevölkerung in „alternativlosen“ Bahnen zu halten. So geben sich also de facto die Täter als Retter aus.

Und wie sieht es mit den allgegenwärtigen „Verschwörungstheorien“ aus?

(…)

Volltext über obige URL und als pdf-Datei im Anhang (14 S.).
MAUSFELD-Wir-leben-in-Zeit-der-Gegenaufklärung181002

Ein Staat gibt seine Tarnung auf

Ulrich Gellermann
Rationalgalerie
Datum: 04. Juni 2018

Der soziale Tarnanstrich blättert zwar ab, aber die Kapitalverwertungs- und Schutzmaschine namens Deutschland bekommt ein neues, schimmerndes Blechkleid.

Quelle: Ein Staat gibt seine Tarnung auf

Mathias BRÖCKERS Ken Jebsen verteidigt die Demokratie

Ken Jebsen verteidigt die Demokratie

9/11 ist bis heute der Lackmustest für echten Journalismus – wer die Legende von Osama und den 19 Teppichmessern nicht hinterfragt, hat in dieser Branche eigentlich nichts verloren.

Johan GALTUNG Nonviolent Economy

 

https://www.galtung-institut.de/de/home/johan-galtung

 — wöchentl. Artikel

 

Nonviolent Economy

EDITORIAL, 6 February 2017

 

#467 | Johan Galtung

 

Two important words enriching each other. “Nonviolent” easily becomes bla-bla, and “economy” is too general. But, does “nonviolent” make a difference for the better to the economy? And vice versa, can “economy” make “nonviolent” more positive, beyond resistance to evil?

 

Let us start with “economy”, here conceived of as a cycle with three poles: Nature, Production, Consumption. And three processes: Extraction from Nature, Distribution from Production to Consumption, and Pollution from Production-Consumption back to Nature. The cycle flow is in that order: Nature → Production → Consumption → Nature.

A simple summary of the economy: humans extract resources from nature, produce-process for (end) consumption, and sends what they cannot consume back to nature (but economists, like book-keepers, left out the Nature part). And we want it all to be nonviolent!

 

“Do no harm!”, nonviolent, is insufficient. “Peace”, “peaceful” include positive peace–Peace Economics, A Theory of Development are my books (TRANSCEND University Press, 2012, 2010)–with “do good!”.

And: Nature can evolve better without us, not we without Nature.

 

Enters money, speeding up the cycle at the Distribution link. Not only products in return for labor or other products but anything in return for anything at the same price. The general flow of money is contrary to the cycle flow: there is monetized consumer demand (and producer supply to stimulate demand), to be met by monetized producer supply, to be met by resources from nature. We notice that consumers pay for products (goods and services), producers pay for resources, and nobody pays nature; not only extracted, but exploited. Violence.

Money takes on its own life, generalized to “financial objects”, including complex “derivatives”. Added to the “real economy” for end consumption then there is a “finance economy” for buying and selling of financial objects, with no end consumption. It just goes on and on.

 

Nonviolence to nature only as non-depletion and non-pollution is not good enough; only negative peace. Positive peace with nature would enhance nature, cater to nature’s need for diversity and symbiosis, increase the diversity of biota and abiota, stimulate photosynthesis and other syntheses enriching nature. A model is forestry, clearing to improve the access of plants, trees, animals to sun and (not too much) water. This is also done in animal parks as opposed to the very violent zoos with cages, etc. They should be forbidden, right away.

 

But the basic violence is slaughter, for food. Let nature yield its fruits voluntarily. A nonviolent economy is vegetarian and beyond.

Does this limit extraction to the “sustainable”, reproducible? “Sustainable”, status quo, is not good enough, “enhanceable” is better. A better nature will offer more to extract and less of nature’s violence, drought-flooding-tsunamis-earthquakes. A nature at ease with itself and humans, without being tamed like we tame animals. Plowing furrows for monocrop seeds, remedying lost diversity with manure and poison, is violence. Permaculture, diverse, symbiotic, is nonviolent; enriching nature to offer more and better fruits.

We move on to Production-Distribution-Consumption, with humans all over but no Protagoras “man is the measure of all things”. Our discourse for the economy certainly also includes nature as “measure”.

 

The argument would be the same. Not to do harm to human beings is to meet their basic needs, to stay alive, and for water and food, clothing and shelter, health, and education to relate to others. Not good enough, we want both the real and the finance economy also to do good to humans, to enhance them, not merely not to do harm. Too modest. Or, a discourse advanced by not very modest people wanting to protect an economy serving elites, not people, with some minor modifications?

 

Cooperation, not competition? Both, competition is fun, like in sports, games as long as losing does no real harm. A false dichotomy.

 

Dialogue is the key, between consumers and producers. Consumers having a say in what is produced would also be in the interest of the producers. Diversity is another key, individual consumers differ.

Instead of producers doing “market studies”, they should enter into dialogue with people. They might discover that instead of cars that all look alike and are the same except for class geared to class society, people want slower, less risky cars, more like Tivoli cars. And computers that save automatically, erasing being an option.

Instead of spying on people to offer packages geared to their demand “profiles”, let people express individual wishes and meet them. Humans seem today to be increasingly individualist and diverse; and they want to be in command as subjects, not manipulated as objects.

In short, equality between the Production and Consumption poles, like between them and the Nature pole. However, the cycle itself should also be nonviolent: a cycle with the three poles in three different continents is violent by being beyond control, even comprehension. Contract the cycle to the regional-state-provincial-local levels to facilitate dialogues on equal terms. An argument for localism.

Distribution uses long chains for products to reach consumers, even across regional and state borders; transport at the expense of Nature, fees for the consumers. Again an argument for localism.

 

Finance economy for nonviolent investment; not derivative chains for speculation at the expense of many. To be forbidden, right away.

 

In a nonviolent economy consumption not only makes no harm but is a delight, like meetings in virtual space, or driving at no risk. Or, by making drinking and eating more delightful. To quench thirst water does the job, straight down. But anything with taste should stay sometime in the mouth, near the taste and smell buds. Chew slowly, with no violence by “washing it down”. Nonviolent quantities of good wine and juices are for tasting and smelling, not for washing. Bon apétit!

Zum Tod des politischen Ökonomen Herbert Schui (1940-2016)

Jasminrevolution

herbert-schui Herbert Schui (1940-2016)

Theodor Marloth

Am 15.August wurde sein Tod bekannt: Herbert Schui war Ökonomie-Professor und einer der bekanntesten Kämpfer gegen den Neoliberalismus in Deutschland. Als Mitgründer der WASG verließ er die SPD und zog für die Linkspartei in den Bundestag ein, wo er gegen die neoliberale Entwürdigung des Menschen durch FDP, Union, Grüne und New-Labour-SPD kämpfte. Sein Tod reißt eine Lücke in die linke politische Szene: Schui war 1975 Mitbegründer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Herbert Schui zu Armut und Menschenwürde

Wer Armut anderer Leute empörend findet, kann für sich in Anspruch nehmen, ein moralischer Mensch zu sein. Aber wenn Moral da stehen bleibt, wo sie eine Art Kritik ist, „welche die Gegenwart zu be- oder verurteilen, aber nicht zu begreifen vermag“, wird sie eher ein Motiv sein, der Armut mit Almosen zu begegnen. Erst das Begreifen öffnet den Weg dahin, über…

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Immanuel WALLERSTEIN Die Linke und die Nation: ungelöste Mehrdeutigkeiten

Immanuel Wallerstein Aus: Sand im Getriebe 119

http://www.attac.de/uploads/media/sig_119.pdf

 

Kommentar Nr. 419, 15. Februar 2016 Der Begriff Nation hatte im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Bedeutungen. Aber heute und besonders seit der Französischen Revolution wurde der Begriff mehr oder weniger im Zusammenhang mit dem Nationalstaat verstanden. Damit versteht man unter Nation die Menschen, die rechtmäßige Mitglieder einer Gemeinschaft sind, die sich auf einem bestimmten Staatsgebiet befindet. Ob die Menschen, die eine Nation bilden, einen Staat erschaffen oder ob ein Staat die Kategorie Nation schafft, wird schon lange debattiert. Ich selbst glaube, dass Staaten die Nationen schaffen und nicht umgekehrt. Die Frage ist daher, warum Staaten die Nationen schaffen und welche Stellung die Linke zum Konzept der Nation ein- nehmen sollte. (…)

Der vollständige Beitrag als PDF im Anhang

WALLERSTEIN sig_119 page 28

Immanuel Wallerstein (* 28. September 1930 in New York City) ist ein US-amerikanischer Sozialwissenschaftler und Sozialhistoriker. Er ist der Begründer einer Weltsystemanalyse, die Aspekte von Geschichte, Ökonomie, Politikwissenschaft und Soziologie zusammenfasst.

Sahra WAGENKNECHT: Interview zu ihrem Buch „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“ , NDS 29.03.2016

globalcrisis/globalchange NEWS
Martin Zeis, 29.03.2016

Hallo zusammen,

im Folgenden Auszüge aus einem substanziellen Interview, das NDS-Herausgeber Albrecht Müller (AM) mit MdB Sahra Wagenknecht (SW) zu ihrem jüngst erschienenen Buch „Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten“ (Campus Frankfurt/Main, März 2016, 292 S., 19,95 €) führte.

Viel Spaß bei der Lektüre.

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NDS, 29.03.2016 — www.nachdenkseiten.de/?p=32548

(…)
AM: Was ist denn die Hauptbotschaft, die Sie mit diesem Buch vermitteln wollen? Was sollen die Leserinnen und Leser von Ihnen lernen?
SW: Es gibt zwei zentrale Botschaften. Die erste ist: Unsere aktuelle Wirtschaftsordnung, der Kapitalismus, erzeugt nicht allein eine immer größere soziale Ungleichheit, sondern ist auch längst nicht mehr so produktiv und innovativ, wie die meisten glauben. Im Gegenteil, in wichtigen Feldern wird Innovation blockiert oder – wie in der digitalen Welt – monopolisiert und so gegen die Allgemeinheit gewendet. Und die zweite Botschaft lautet: Es gibt eine vernünftige Alternative zum Kapitalismus, die die Scheinalternativen Markt- versus Planwirtschaft oder Privat- versus Staatswirtschaft hinter sich lässt. Die Grundrisse einer solchen neuen Wirtschaftsordnung versuche ich, im Buch zu skizzieren.
(…)
AM: Worin unterscheidet sich die neue Wirtschaftsordnung von der alten?
SW: Kurz zusammengefasst kann man sagen: sie würde den Wirtschaftsfeudalismus überwinden, wie er dem Kapitalismus bis heute eigen ist: also keine leistungslosen Millioneneinkommen aus Betriebsvermögen mehr, die auf der Arbeit anderer beruhen, und keine Vererbbarkeit der Kontrolle über Unternehmen. Seit Abschaffung der Monarchie ist es gesellschaftlicher Konsens, dass politische Macht nicht vererbbar sein sollte. Aber die Vererbbarkeit wirtschaftlicher Macht, die wesentlich folgenreicher ist, wird bis heute akzeptiert. Ich halte das für falsch.
AM: Auch die Verfassung von Unternehmen und Betrieben ist bei Ihnen ein zentraler Gegenstand des Nachdenkens und des Schreibens. Auch dies ist eigentlich kein Thema mehr in der sonstigen öffentlichen Debatte. Was ist die optimale Betriebs- und Eigentumsform, aus ihrer Sicht?
SW: Ja, leider wird allseits hingenommen, dass Unternehmen heute Anlageobjekte sind, die in erster Linie der Geldvermehrung ihrer Anteilseigner dienen. Aber das ist doch nicht alternativlos. Ich zeige am Beispiel der ältesten deutschen Unternehmensstiftung, der Carl-Zeiss-Stiftung, dass Unternehmen gar nicht notwendigerweise externe Eigentümer brauchen. Was sie brauchen, ist eine effektive Kontrolle des Managements durch Leute, die an einer langfristig guten Unternehmensentwicklung interessiert sind. Die heutigen Eigentümer – Finanzinvestoren oder Erbendynastien – sind das oftmals gar nicht, sie wollen vor allem möglichst viel Geld aus dem Unternehmen herausholen. Für die Belegschaft dagegen ist das Unternehmen die Grundlage ihrer sozialen Existenz, deshalb ist es sinnvoll, wenn die Kontrollorgane aus gewählten Vertretern der Belegschaft bestehen.
AM: Ein mögliches Modell ist aus Ihrer Sicht die sogenannte Mitarbeitergesellschaft? Wie sähe das konkret aus?
SW: Eine Mitarbeitergesellschaft ist kein Unternehmen, an dem die Mitarbeiter verkäufliche oder vererbbare Anteile halten und auf hohe Dividenden warten. Meine zentrale These ist vielmehr, dass der römische Eigentumsbegriff für Unternehmen nicht passt. Eine Mitarbeitergesellschaft gehört wie eine Stiftung sich selbst, sie hat keine externen Eigentümer, und muss daher auch an niemanden Geld ausschütten. Aber die Belegschaft bestimmt die Besetzung des Kontrollorgans, das über die Unternehmensleitung entscheidet und ihr die Ziele vorgibt. Die Ziele würden unter solchen Bedingungen sicher nicht lauten, Maximierung des kurzfristigen Gewinns, sondern: langfristiges Unternehmenswachstum, solide Gewinne, um Investitionen zu finanzieren, aber eben keine Erhöhung der Rendite mittels prekärer Jobs oder durch Verlagerung in Niedriglohnländer.
AM: Und was wäre die „Gemeinwohlgesellschaft“? Und wie würde sich diese von der „Öffentlichen Gesellschaft“ unterscheiden? Ist das nicht ein bisschen verwirrend?
SW: Die Öffentliche Gesellschaft ist genau wie die Mitarbeitergesellschaft ein kommerzielles Unternehmen, bei dem allerdings wegen seiner Größe die öffentliche Hand ebenfalls Vertreter ins Kontrollorgan entsendet. Die Gemeinwohlgesellschaft dagegen arbeitet nicht gewinnorientiert und ist dort angebracht, wo Märkte schlicht nicht funktionieren oder aus ethischen Gründen keinen Platz haben. Ein Krankenhaus etwa muss sich nicht in erster Linie rechnen, sondern muss Kranke optimal behandeln. Wenn dagegen betriebswirtschaftliche Kriterien über die gewählte Therapie entscheiden, ist das einfach pervers. Ein anderes Beispiel ist die digitale Wirtschaft, in der aufgrund des Netzwerkeffekts lauter Monopole entstehen. Überlassen wir diese wichtigste Infrastruktur des 21. Jahrhunderts weiterhin privaten Datenkraken, werden wir alle verlieren. Hier brauchen wir gemeinnützige Anbieter.
(…)
— vollständiges Interview im Anhang —

Wagenknecht-Reichtum-ohne-Gier-Interview160329.pdf