Machtachsenverschiebung

Folker Hellmyer*, einflussreicher Banker, ehemaliger Chefanalyst der Bremer Landesbank, und Alexander Rahr**, der Russlandexperte, jetzt Senior Adviser bei der Gazprom Brussels und Mitbegründer des Petersburger Dialogs, diskutieren über die Verschiebung der geopolitischen Machtachsen, d.h. der Erosion einer von den USA und den westlichen Ländern dominierten Weltordnung hin zu einem neuen Multilateralismus, in dem China, Indien, Russland und andere Länder der ehemals dritten Welt eine immer wichtigere Rolle spielen. Die erdrückende Militärmacht der USA und der Nato werden diesen Prozess vielleicht verzögern, aber auf die Dauer – trotz Wirtschaftssanktionen, trotz Handelskriegen und trotz vieler Regime Changes, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, nicht aufhalten können. Die langfristig angelegte Politik Chinas im Rahmen des großen Seidenstraßen-Projekts zeigt, wie eine Politik der Wirtschaftsbeziehungen auf der Grundlage gegenseitiger Akzeptanz aussehen kann. Die Welt wird zukünftig multipolar geordnet werden müssen.

Die deutsche Ostpolitik der 70er Jahre ist heute weitgehend vergessen. Die Hoffnungen auf eine Welt des Friedens, der Demokratie und Verständigung zwischen gleichberechtigten Staaten („Charta von Paris“ von 1990) sind nachhaltig zerstört worden. Seit 2013 wird der Hass gegen Russland geschürt und rückt die Nato vor bis dicht an die russischen Grenze. Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland, den Iran und andere Länder zerstören viele der wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen. Der Handels- und Zollkrieg der USA verschärft die Spannungen zu China immer weiter. Warum sind Deutschland und Europa nicht in der Lage, sich vom Kurs des Unilateralismus der USA zu emanzipieren? Welche Rolle spielen die Medien? Wie verschieben sich die Strukturen auf den Finanzmärkten? Folker Hellmeyer und Alexander Rahr erzählen anschaulich und mit vielen Details auch über ihre eigene Rolle. Und wie sie wegen ihrer permanenten Fordung, die Verständigung und den Ausgleich mit Russland und China zu suchen und nicht zu zerstören, als „Putinversteher“ diffamiert und immer mehr aus den Mainstream-Medien vertrieben worden sind.

Zur friedlichen Verständigung wie schon zur Zeit der Ostverträge gäbe es keine Alternative. Wir könnten und sollten, so Hellmeyer und Rahr, die gewachsenen Beziehungen zu Russland nutzen und Brücken zu China bauen. Mit sollten das Verständnis für die unterschiedlichen Kulturen der Länder fördern. Thema Nr. 1 sei heute die Ökologiefrage, die Friedenspolitik ganz in den Hintergrund gerückt. Warum könnten wir nicht eine riesige ökologische Allianz mit Russland und China schmieden, in der die drängenden ökologischen Probleme gemeinsam angepackt werden. Es gehe schließlich um das Leben auf diesem Planeten. Wenn wir eine ökologische Politik fördern wollen, müssten wir jedenfalls mit dem Schießen aufhören.

* Folker Hellmeyer
war Chefanalyst bei der Landesbank Hessen-Thüringen, bis 2018 bei der Bremer Landesbank (BLB) und jetzt bei der Solvecon Invest GmbH. Er ist ein Medienstar. Die hohe Trefferquote seiner Prognostik hat sein Renommee immer weiter verstärkt. Schließlich war er einer der wenigen, die die Weltwirtschaftskrise von 2008 vorausgesagt haben. In seinem Buch „Endlich Klartext! Ein Blick hinter die Kulissen unseres Finanzsystems“ kritisiert er mit aller Deutlichkeit die Dominanz des US-amerikanischen Finanzsystems und die schädlichen Folgen für die Marktwirtschaft und Demokratie. Der täglich erscheinende „Forex-Report“ der Solvecon Invest GmbH erreicht inzwischen hohe Auflagen. (Kann abonniert werden)

** Alexander Rahr
war tätig in vielen Thinktanks (Forschungsinstitut von Free Europe/Radio Liberty; Programmdirektor am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik; Forschungsaufenhalt in RAND Corporation; Projekleiter beim Deutsch-Russischen Forum; Mitbegründer des Petersburger Dialogs; Senior Advisor bei der Wintershall Holding; Senior Advisor bei Gazprom Brussels) und hat neun Bücher (darunter Biographien und Gorbatschow und Putin) unzählige Artikel und Aufsätz geschrieben. Sein letztes Buch ist etwas ganz besonderes. Es ist ein Roman, es hat den Titel „2054 – Putin decodiert“ und ist ein Science-Fiction-Tatsachen-Politthriller. Lesens- und empfehlenswert!

Sönke Hundt
moderierte das Gespräch. Er ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Bremen, Mitglied des Bremer Friedensforums und hat sich in der letzten Zeit intensiv mit Geopolitik und Propaganda beschäftigt.

Quelle: https://weltnetz.tv/video/2064-machtachsenverschiebung