Nachruf auf Immanuel Wallerstein

Nachruf auf Immanuel Wallerstein

Einer der schärften Denker unserer Zeit ist tot. Immanuel Wallerstein verstarb 88jährig am 31. August 2019. Der Promedia Verlag trauert um einen wegweisenden Autor, dessen Publikationstätigkeit ihn Jahrzehnte lang begleitet hat.

Wallerstein stammt aus einer deutsch-jüdischen Familie, seine Eltern wanderten ín den 1920er-Jahren von Berlin in die USA aus, wo Immanuel am 28. September 1930 zur Welt kam. Er studierte u.a. Soziologie bei Paul Lazersfeld, Geschichte, Politikwissenschaften und Soziologie.

Seinen Platz im Kreise der großen Denker wird er als Mitbegründer der Weltsystem-Theorie einnehmen. Damit wurde Wallerstein im präzisen Sinn des Wortes zum Welterklärer, indem er die Herausbildung wirtschaftlicher Zentralräume und von ihnen abhängigen Peripherien als notwendig zusammenhängend sah. Oder anders ausgedrückt gelang es ihm, die philosophische Erkenntnis der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf reale wirtschaftliche Verhältnisse im Weltmaßstab umzumünzen. Damit erteilte er den vorherrschenden neoklassischen und marxistischen Modernisierungstheorien ebenso eine Absage wie postmodernen Ansätzen.

Sein vierbändiges Opus magnum „Das moderne Weltsystem“ ist eine Geschichte des Kapitalismus von seinen Anfängen im 16. Jahrhundert bis zu den geistigen und ideologischen Grundlagen der Globalisierung im 20. Jahrhundert.

Wallerstein war neben seiner wissenschaftlichen Arbeit immer auch ein politisch engagierter Mensch. Dies äußerte sich erstmals, als er einen gut dotierten Dozentenposten an der Columbia University im Jahre 1971 aufgeben und als Soziologieprofessor nach Kanada gehen musste, weil er mit den Anti-Vietnamkriegsprotesten der Studierenden sypathisiert hatte. Fünf Jahre später kehrte er in die USA zurück und blieb bis zu seiner Emeritierung an der Binghampton University im US-Bundesstaat New York tätig. Jahrelang leitete er zudem die „École des hautes Études en Sciences Sociales“ in der Nachfolge des französischen Historikers Fernand Braudel in Paris.

In den 1980er-Jahren tourte er zusammen mit Andre Gunder Frank, Samir Amin, Sulviu Brucan und anderen im Rahmen der UN-University durch die Welt und brachte Generationen von Studierenden ein Kapitalismus-kritisches Handwerkszeug bei, indem er den Prozess der Kapitalakkumulation als die entscheidende Ursache von regionalen Disparitäten und sozialen Ungleichheiten im Weltsystem benannte.

Immanuel Wallerstein wird uns fehlen. Seinen wöchentlichen Blog, in dem er die jeweils aktuellen Brennpunkte aus weltsystemischer Sicht analysierte, hatte er bereits vor einigen Monaten nach der tausendsten Ausgabe aus Altersgründen eingestellt. Seine grundsätzlichen Werke, die in vielen Sprachen erschienen sind, behalten jedoch ihre Erklärungskraft. Darauf aufzubauen, betrachten wir vom Promedia Verlag als ehrenvolle Aufgabe.

Hannes Hofbauer für den Promedia Verlag
Wien, am 2. September 2019