Hallo zusammen,
wer nicht die Zeit hat, das 414-seitige Buch Gansers „Europa im Erdölrausch“ (1) zu lesen, erhält mit dem hier dokumentierten, von Jens Wernicke geführten Interview einen guten Überblick.
Grüße,
Martin Zeis
(1) Daniele GANSER: Europa im Erdölrausch; Verlag Orell Füssli, Sept. 2012, 414 S.; 24,95 €
http://www.heise.de/tp/druck/mb/artikel/45/45127/1.html
Die Welt im Erdölrausch
Jens Wernicke
telepolis, 10.06.2015
Der Historiker Daniele Ganser über den Kampf um Rohstoffe und Absatzmärkte und Auswege aus der Gewaltspirale
Daniele Ganser (Dr. phil.) ist Schweizer Historiker, spezialisiert auf Zeitgeschichte seit 1945 und Internationale Politik. Seine Forschungsschwerpunkte sind Friedensforschung, Geostrategie, verdeckte Kriegsführung, Ressourcenkämpfe und Wirtschaftspolitik. Er unterrichtet an der Universität St. Gallen (HSG) zur Geschichte und Zukunft von Energiesystemen und an der Universität Basel im Nachdiplomstudium Konfliktanalysen zum globalen Kampf ums Erdöl. Er leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER) in Basel.
Herr Ganser, Sie sind nicht nur Friedensforscher und NATO-Kritiker, Sie vertreten auch die Auffassung, Energie und Frieden seien miteinander „vernetzt“ und haben vor einiger Zeit eine Studie zum Thema „Europa im Erdölrausch“ publiziert. Was hat Frieden mit Energie und hat Europa mit Rauschzuständen gemein?
Daniele Ganser: Wir brauchen jeden Tag weltweit 90 Millionen Fass Erdöl. Das entspricht 45 Supertankern. Das ist eine ganze Menge. Die EU braucht täglich 15 Millionen Fass, die USA verbrauchen sogar 20 Millionen Fass. Wir sind also als Weltgemeinschaft hochgradig süchtig nach Erdöl. Zudem brauchen wir viel Erdgas, weltweit täglich 9 Milliarden Kubikmeter. Natürlich versuchen wir in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz mit der Energiewende die Abhängigkeit von den fossilen Energieträgern zu reduzieren, das halte ich für richtig und wichtig. Aber derzeit sind wir noch stark in einer fossilen Welt. Und weil die Ressourcen nicht gleichmäßig verteilt sind, führt das mitunter zu militärischen Konflikten.
Es gibt also einen seit jeher blutigen weltweiten Kampf um den Zugriff aufs „Schwarze Gold“ und dieser spitzt sich aktuell zu?
Daniele Ganser: Ja, natürlich, um Erdöl und Erdgas wird seit vielen Jahren gekämpft. Nehmen sie den Ersten Weltkrieg. Damals haben die Briten ihre Flotte von Kohle auf Erdöl umgestellt, damit wurden die britischen Schiffe schneller. Die deutsche Flotte lief noch mit Kohle, was ein Nachteil war, weil sie nicht nur langsamer, sondern mit dem ganzen Rauch auch immer gut sichtbar war.
Die Briten hatten aber auf ihrer Insel nur Kohle und kein Erdöl, daher mussten sie zum Antrieb der Schiffe im Iran nach Erdöl bohren. 1908 wurden sie fündig, es war der erste Erdölfund im Nahen Osten. Seither haben wir sehr viele Kriege um das schwarze Gold im Nahen Osten erlebt, leider, ich schildere das in meinem Buch ausführlich. Die Briten haben danach das iranische Erdöl als koloniale Beute nach Großbritannien exportiert, um ihre Kriegsschiffe anzutreiben. Krieg und Erdöl waren schon immer eng vernetzt. Ohne Erdöl fährt kein Panzer und fliegt kein Flugzeug.
Auch Hitler versuchte im Zweiten Weltkrieg Erdölquellen zu erobern. Als 1942 ein Teil der deutschen Truppen in Stalingrad eingekesselt war, verlangten einige deutsche Offiziere, dass Hitler die deutschen Truppen vor Baku abziehen solle, um sie den von den Russen eingekesselten Kameraden in Stalingrad zur Hilfe zu schicken. Doch Hitler lehnte strikt ab. „Wenn wir das Öl bei Baku nicht kriegen, ist der Krieg verloren“, sagte Hitler. 1943 verlor Hitler sowohl den Kampf um Stalingrad als auch um Baku, es war der Anfang vom Ende.
Hitlers General Erwin Rommel stand zeitgleich in Nordafrika still, weil er kein Erdöl mehr hatte, nachdem die Briten die deutschen Erdölschiffe im Mittelmeer versenkt hatten. „Mit der Benzinzufuhr trafen die Briten einen Teil unseres Mechanismus, von dessen Funktionieren alles Weitere abhing“, schrieb Rommel damals an seine Frau. „Der tapferste Mann nützt nichts ohne Kanone, die beste Kanone nützt nichts ohne viel Munition, und die Kanone und Munition nützen im Bewegungskrieg nicht viel, wenn sie nicht durch Fahrzeuge mit genügend Benzin bewegt werden können. Benzinknappheit, es ist zum Weinen.“ (…)
– das gesamte Interview ist im Anhang verfügbar (10 Seiten) –
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Martin Zeis
globalcrisis/globalchange NEWS
martin.zeis
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