DOKUMENT: Appell: JA zu Demokratie und Volksabstimmung in Griechenland – NEIN …; faktencheckhellas, 29.06.1015

http://faktencheckhellas.org/appell-ja-zu-demokratie-und-volksabstimmung-in-griechenland-nein-zur-erpressung-griechenlands-durch-iwf-eu-und-berliner-regierung/#more-430

– der gesamte Text mit der Liste der Unterzeichner*innen (Stand 29.06.2015, 14:30 Uhr) ist im Anhang verfügbar (9 S.) –

Appell: JA zu Demokratie und Volksabstimmung in Griechenland –
NEIN zur Erpressung Griechenlands durch IWF, EU und Berliner Regierung

Veröffentlicht am 29. Juni 2015 von faktencheckhellas

Das demokratische und soziale Europa, ohnehin ein unvollendetes Projekt, befindet sich Ende Juni 2015 am Abgrund: Doch die einen leben als Kreditgeber in einem Grand Hotel in großem Luxus mit schöner Aussicht, die anderen sitzen als Schuldner auf einer Klippe, immer vom Absturz in den Bankrott bedroht.

Eine sogenannte Troika von mächtigen Institutionen sorgt dafür, dass die Drohung zur Erpressung wird. Schuldnern wie Griechenland wird keine Chance gegeben, der drohende Sturz in den Bankrott soll die Regierung gefügig machen. Soziale und politische Alternativen zur verordneten Austerity sind tabu. Selbst die von der Syriza-Regierung vorgeschlagene Abstimmung über das von der Troika verordnete Spar-paket interpretieren die Finanzminister der Eurogruppe – ein technokratischer Verein, kein politisches, den Wählern verantwortliches Gremium – als eine Provokation. Sie bestrafen Syrizas demokratische Initiative mit dem Ausschluss des griechischen Finanzministers aus den Beratungen der sogenannten Eurogruppe. Sie sind dabei schamlos genug, europäisches Recht zu brechen, um ihr neoliberales Mütchen zu kühlen. Das Schauspiel, das Schäuble, Dijsselblom und die anderen bieten, wird in die europäische Geschichte eingehen als Spektakel eines grandiosen Selbstmord-attentats der politischen Elite, gerichtet gegen das europäische Integrationsprojekt.

Die Austeritätspolitik, mit der Staatshaushalte ruiniert und Gesellschaften zerstört werden, betreiben der IWF, die Europäische Zentralbank und die EU-Kommission zusammen mit der Eurogruppe in Absprache mit den großen Wirtschaftsmächten Europas. Deutschland s Große Koalition der Schäuble, Gabriel und Mer kel ist dabei treibende Kraft. Sie haben mit ihrer Austerity – Politik des sozialen Kahlschlags, der Blockade von Investitionen zur wirtschaftlichen Erneuerung, des Drucks auf die Masseneinkommen und der Schwächung von Gewerkschaften dafür gesorgt, dass sich in Griechenland die Arbeitslosigkeit von 2007 bis 2014 auf fast 30 Prozent verdreifacht hat . Die Jugendarbeitslosigkeit hat sich auf rund 60 Prozent mehr als verdoppelt . Kein Wunder, dass im Vergleich zur Zeit vor der Krise das Bruttoinlands-produkt um ei n Viertel niedriger, die private Verschuldung um 66% höher und die Staatsschuldenquote auf fast 180 % angestiegen sind. Überall in Europa hat sich die soziale und ökonomische Lage der Menschen verschlechtert, in Griechenland aber in besonders zugespitzter Weise. (…)

Unterzeichner*innen: (Stand: 29. Juni, 14.30 Uhr)

Tom Adler / Stuttgart
Prof. Elmar Altvater / Berlin
Malte Albrecht, BA // Universität Marburg/L.
Dr. Dr. Dario Azzellini / Johannes Kepler Universität (JKU) Linz
Prof. Dr. Rudolph Bauer / Bremen
(…)

=======
Martin Zeis
globalcrisis/globalchange NEWS
martin.zeis

APPELL_JA-zu-Demokratie-und-Volksabstimmung-in Griechenland160625.pdf

Michael HUDSON: A New Mode of Warfare – The Greek Debt Crisis and Crashing Markets; ICH June 29, 2015

http://www.informationclearinghouse.info/article42274.htm / full text attached

A New Mode of Warfare
The Greek Debt Crisis and Crashing Markets

By Michael Hudson

June 29, 2015 „Information Clearing House“– Back in January upon coming into office, Syriza probably could not have won a referendum on whether to pay or not to pay. It didn’t have a full parliamentary majority, and had to rely on a nationalist party for Tsipras to become prime minister. (That party balked at cutting back Greek military spending, which was 3% of GDP, and which the troika had helpfully urged to be cut back in order to balance the government’s budget.)

Seeing how unyielding the opposition was, Syriza’s stance was: “We would like to pay. But there’s no money.” (…)

I’m in Germany now (on my way to Brussels), and have heard from Germans that the Greeks are lazy and don’t pay taxes. There is little recognition that what they call “the Greeks” are really the oligarchs. They have gained control of the old coalition Pasok/New Democracy parties, avoided paying taxes, avoided being prosecuted (New Democracy refused to act on the “Lagarde List” of tax evaders with nearly 50 billion euros in Swiss bank accounts), orchestrated insider dealings to privatize infrastructure at corrupt prices, and used their banks as vehicles for capital flight and insider lending.

This has turned the banks into vehicles for the oligarchy. They are not public institutions serving the economy, but have starved Greek business for credit.

So one casualty apart from the credibility of the eurozone, the ECB and the IMF will be these banks. Syriza is positioning itself to provide a public option – public banks that will promote the economy, and a national Treasury that will spend government money INTO the economy, not drain it to pay the Troika for having bailed out French and other banks back in 2010-1.

The European popular press is as bad as the U.S. press in describing matters. It warns of “hyperinflation” if a central bank monetizes as much as one euro of government spending in the way that the U.S. Fed does, or the bank of England or any other real central bank. The reality is that nearly all hyperinflations stem from a collapse of foreign exchange as a result of having to pay debt service. That was what caused Germany’s hyperinflation in the 1920s, not domestic German spending. It is what caused the Argentinean and other Latin American hyperinflations in the 1980s, and Chile’s hyperinflation earlier.

But once Greece frees itself from the odious debts forced upon it at financial gunpoint in 2010-12, its balance of payments will be roughly in balance (subject to some depreciation of the drachma; 30% is a number I heard bandied about in Athens last week).

To mimic Margaret Thatcher, “There is No Alternative” to withdrawing from the eurozone. The terms dictated for remaining in it was to sell off all of what remained in Greece’s public sector to European and U.S. buyers, at insider prices – but not to Russian buyers, even for the gas pipeline that was to have been sold.

Evidently the eurozone financial strategists thought that Tsipras and Varoufakis would simply surrender, and be promptly voted out of power, thereby crushing their socialist policy agenda. They miscalculated – and are now hoping to create as much anarchy as possible to punish the Greek people. The punishment is for not continuing to support their client oligarchy, which has moved most of its assets out of reach of the government. (…)

HUDSON_A-New-Mode-of-Warfare150629.pdf

Gesine SCHWAN: „Wolfgang Schäuble hatte von Anfang an die Absicht, Syriza an die Wand fah ren zu lassen“

Liebe Leute,

in einer historisch entscheidenden Situation für den weiteren Weg der neoliberal aufgeladenen, neofeudal agierenden EU-Institutionen (Kommisssion, Eurogruppe, EZB, IWF als beaufsichtigender US-/Wallstreet-Agent) sehen wir uns verpflichtet, weit über das normale Maß hinaus, Dokumente, Texte, Analysen, Stellungnahmen aus unterschiedlichen Richtungen … zur seit dem „Lissabon-Vertrag“ sich entwickelnden politischen und ökonomischen Fundamentalkrise der EU (in Sonderheit der Eurozone) zu posten.

Grüße,
Martin Zeis

=========

http://www.berliner-zeitung.de/politik/gesine-schwan-zur-griechenland-krise–wolfgang-schaeuble-hatte-von-anfang-an-die-absicht–syriza-an-die-wand-fahren-zu-lassen-,10808018,31063742.html?originalReferrer=https%3A%2F%2Fwww.facebook.com

GESINE SCHWAN ZUR GRIECHENLAND-KRISE

„Wolfgang Schäuble hatte von Anfang an die Absicht, Syriza an die Wand fahren zu lassen“

Interview mit der Berliner Zeitung (Markus Decker) vom 28.06.2015 — Auszug (Volltext im Anhang)

Frau Schwan, vor drei Wochen war der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in Berlin Ihr Gast. Konnten Sie sich das heutige Szenario damals vorstellen?
Ich habe es nicht so erwartet. Ich habe erwartet, dass es Kompromisse geben kann – zumal es auch in der Sache eine klare Annäherung gegeben hat. Aber Varoufakis hat immer gesagt, dass sie die Kürzungen im Sozialbereich, die dem Wachstum weiter geschadet hätten, nur akzeptieren können, wenn es die Perspektive einer Umschuldung gibt. Und diese Perspektive haben die Institutionen offenbar nicht gegeben. Sie wollten die griechische Regierung weiterhin eng an die Kandare legen.

Warum? Um Signale an andere Krisenländer wie Spanien oder Portugal zu senden, dass sich linke Politik nicht durchsetzt?
Das kann ein Motiv gewesen sein. Man ist ja Syriza von Anfang an mit kritischer Verve, um nicht zu sagen mit Aversion begegnet. Finanzminister Wolfgang Schäuble hat von Anfang an die Absicht gehabt, Syriza an die Wand fahren zu lassen, damit es keine Ansteckungsgefahr in Spanien oder Portugal gibt. Aber ich glaube bei dem Misstrauen gegenüber der griechischen Regierung haben auch enorme kulturelle Unterschiede eine Rolle gespielt. Allein, wenn ich mir überlege, welche Ressentiments es ausgelöst hat, dass Varoufakis mit dem Motorrad zum Dienst fährt. Es gab tiefe Unterschiede des Stils. Doch im Kern wollten die Institutio-nen und auch die Sozialdemokraten ihnen nicht zugestehen, dass die Austeritäts-politik der letzten Jahre gescheitert ist. Dass die griechische Regierung zum Schluss noch mal bei Rentnern und Kranken kürzen sollte, beweist, wie absolut unerbittlich sich die Institutionen gezeigt haben. (…)

Aber war es nicht in gewisser Weise machtpolitisch voraussehbar, dass die Eurozone Griechenland nicht folgen würde?
Was heißt machtpolitisch voraussehbar?! Es gibt bei uns mittlerweile eine Abdankung des demokratischen Gedankens. Schließlich fühlt sich die griechische Regierung verantwortlich für ihr Land. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sich die Institutionen verantwortlich fühlen für Griechenland. In einem Land, das immer weiter den Bach runtergeht, gibt es glücklicherweise Kräfte, die sagen, das können wir einfach nicht akzeptieren. Darüber bin ich froh, wenn ich sehe, wie opportunistisch Politik bei uns mittlerweile betrieben wird. (…)

Ist das alles der Beginn des Zerfalls der Europäischen Union?
Es ist eine große Gefahr für die Europäische Union, nicht nur für die Eurozone. Es gibt Personen, die meinen, dass dies auch Schäubles Ziel sei, nämlich durch die Krise ein „Kerneuropa“ hinzubekommen.

SCHWAN_Gesine-Griechenlandkrise150628.pdf

querschuesse.de – ein Chart zu „Wirtschaftsleistung und Staatsschulden in GR 1998-2014“, 29.06.2015

Anfang der weitergeleiteten E‑Mail:

Von: „Martin Zeis“
Datum: 29. Juni 2015 11:02:05 MESZ
An: globalcrisis%Martin.zeis
Betreff: querschuesse.de – ein Chart zu „Wirtschaftsleistung und Staatsschulden in GR 1998-2014“, 29.06.2015

http://www.querschuesse.de/eskalation-mit-ansage-worum-es-beim-schuldenstreit-mit-griechenland-wirklich-geht/

Eskalation mit Ansage: Worum es beim Schuldenstreit mit Griechenland wirklich geht
von Stefan L. Eichner, 29.06.2015
Kontakt: info.sle

Der griechische Regierungschef Alexis Tsipras hat die letzten Vorschläge der Gläubiger als unannehmbar abgelehnt. Wie das griechische Parlament bereits gestern beschlossen hat, sollen in einer Woche die Griechen darüber abstimmen, ob sie dafür sind, diese trotzdem anzunehmen. Das heißt, ob sie den austeritätspolitischen Sanierungskurs der Troika fortsetzen wollen. Die EZB hat heute ihre Nothilfen für die griechischen Banken eingefroren. Die griechische Regierung hat daraufhin entschieden, dass in Griechenland Börse und Banken geschlossen bleiben und Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden, um den weiteren Abfluss von Geld zu stoppen. (Anm. mz.: die folgende „Bewertung“ ist hinsichtlich der Politik der Syriza-Regierung vollständig falsch, z.T. auch hinsichtlich der Vorgänger-Regierungen, die alle erpresst wurden – siehe unsere laufende Berichterstattung – der Chart ist aussagekräftig) „Man kann also mit gutem Grund sagen, dass Griechenland und die Gläubiger es mit vereinten Kräften geschafft haben, die Griechenlandkrise zu eskalieren und das Risiko von Finanzmarktturbulenzen und einer erneuten Euro-Krise – das laut Gläubigern angeblich gar nicht existiert – heraufzubeschwören.“

Wofür das Ganze?
Die Antwort ist, wie so oft, im Grunde recht einfach und sie lässt sich mit Hilfe eines einzelnen Charts (siehe unten) verdeutlichen.

SLE_BIP und Staatsverschuldung GR 1998-2014_IWF-Daten

Die Abbildung zeigt anhand von Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF), wie sich die Staatsschulden und die Wirtschaftsleistung in Griechenland im Zeitraum von 1998 bis 2014 entwickelt haben.

Schulden explodiert, Wirtschaft auf Talfahrt, Sanierung gescheitert
Gut zu erkennen ist, dass Griechenland – gemessen an der Wirtschaftsleistung – seine Staatsschulden bis 2007 eigentlich noch ganz gut im Griff hatte. Doch mit der Finanzkrise änderte sich das Bild. Die Staatsschulden explodierten und das Bruttoinlandsprodukt sank seitdem stetig – wenn auch zuletzt etwas langsamer (laut IWF-Schätzung).

Seit Frühjahr 2010 steht Griechenland unter der Aufsicht der Troika (Europäische Kommission, EZB und IWF). Seitdem werden – wenn auch keineswegs prompt und auch nicht vollständig – deren Sanierungsvorgaben umgesetzt. Es lässt sich also mit Blick auf die Abbildung feststellen, dass dieser Sanierungskurs die griechische Wirtschaft über die gesamte Zeit hinweg weiter talwärts geschickt hat. Zugleich sind die Staatsschulden immer weiter gestiegen. Daran hat auch der Schuldenschnitt von 2012 nichts geändert. (…)

=======
Martin Zeis
globalcrisis/globalchange NEWS
martin.zeis

Griechenland – Deutschland: Wer schuldet wem? ERIC TOUSSAINT zum LONDONER SCHULDENABKOMMEN 1953

Griechenland – Deutschland:
Wer schuldet wem?
BEITRAG von ERIC TOUSSAINT
zum LONDONER SCHULDENABKOMMEN 1953
Seit 2010 rühmen sich die stärksten Länder der Eurozone, die Mehrzahl
ihrer politischen Führer, unterstützt von den herrschenden Medien, ihrer
angeblichen Großzügigkeit gegenüber der griechischen Bevölkerung und der
anderer geschwächten Länder der Eurozone (Irland, Portugal, Spanien…).
Sie bezeichnen als „Rettungsplan“ Maßnahmenpakete, die die Wirtschaften
der Empfängerländer noch tiefer in die Krise treiben und eine soziale
Regression beinhalten, wie es sie in den letzten 65 Jahren in Europa nicht
mehr gegeben hat. Hinzu kommt der Betrug mit dem Schuldenschnitt für
Griechenland, der im März 2012 angenommen wurde und der eine
Reduzierung der Forderungen der privaten Gläubigerbanken gegenüber
Griechenland um 50%, während ihre Forderungen bereits 65–75% ihres
Werts auf dem Sekundärmarkt verloren hatte. (…)

Der Preis der Austerität 29.06.2015 – German Foreign Policy

http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59145

Der Preis der Austerität

29.06.2015
ATHEN/BERLIN/BRÜSSEL

(Eigener Bericht) – Die Berliner Spardiktate treiben mit Griechenland den ersten Staat in Richtung Abschied aus der Eurozone. Nach der Ankündigung der griechischen Regierung, die Erfüllung der jüngsten Austeritätsforderungen aus Berlin und Brüssel von einer Zustimmung der Bevölkerung in einem Referendum abhängig zu machen, hat die Eurogruppe am Samstag die Verhandlungen mit Athen überm eine Krisenlösung abgebrochen und den griechischen Finanzminister von ihren Treffen ausgeschlossen. Eine Rücksichtnahme auf das Votum der griechischen Bevölkerung wird von der Eurogruppe ebensowenig in Betracht gezogen wie ein Abweichen von den deutsch inspirierten Kürzungsprogrammen, die Griechenland binnen nur fünf Jahren in die ökonomische und soziale Katastrophe getrieben haben. Ökonomen unterschiedlichster Denkschulen halten eine Lösung der Eurokrise auch nach einem Ausscheiden Griechenlands für kaum möglich. Die Europäische Zentralbank hat angekündigt, die griechischen Banken mit Notkrediten stützen zu wollen, um das Land zumindest vorläufig in der Währungszone zu halten. Wie das langfristig gelingen soll, ist nicht ersichtlich.

 

Referendum: „Merkwürdig“, „unfair“

Auslöser für den Abbruch der Griechenland-Verhandlungen durch die Eurogruppe am Samstag ist die Ankündigung der griechischen Regierung gewesen, die Entscheidung über die von Berlin und Brüssel verlangte Ausweitung der Sparmaßnahmen der griechischen Bevölkerung zu überlassen – schließlich hätte diese die Lasten tragen und eine weitere Verarmung hinnehmen müssen. Dass Athen die Betroffenen mit einem Referendum befragen wolle, sei „sehr merkwürdig“, wurde ein Vertreter der Eurogruppe zitiert; dass die griechische Regierung ihnen nicht zur Zustimmung raten wolle, sei „unfair“, beschwerte sich Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem.[1] Bei bisherigen Referenden in der EU ist es in der Tat üblich gewesen, dass die jeweilige nationale Regierung mit aller Kraft für die Brüsseler Vorstellungen warb und im Falle einer Ablehnung – so etwa in Irland – eine Wiederholung anberaumte, bis das gewünschte Ergebnis vorlag.[2] Dass die griechische Regierung sich diesen Usancen nicht mehr beugt, wird von Berlin und Brüssel nicht akzeptiert. Mit ihrem Vorgehen habe die Regierung Tsipras „den Verhandlungstisch verlassen“, interpretierte der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble die Unbotmäßigkeit Athens; es sei daher klar, dass das „Hilfsprogramm am Dienstag endet“.[3]

 

Kein Abschied von den Spardiktaten

Dabei hatte die Regierung Tsipras erst im letzten Moment auf das Referendum zurückgegriffen. Bis zum Freitag hatte sie an dem Versuch festgehalten, eine Verhandlungslösung zu erzielen, die jedoch nicht zustande kam, weil Berlin und Brüssel kompromisslos auf einer Fortsetzung der bisherigen Austeritätspolitik bestanden. Diese aber hat Griechenland seit 2010 wirtschaftlich abstürzen lassen und die Bevölkerung in Armut und Verelendung getrieben (german-foreign-policy.com berichtete [4]); eine Wende war – allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz, wie sie seit Jahren in regelmäßigen Abständen aus Brüssel zu hören sind – bis zum Schluss nicht in Sicht. Die Spardiktate waren der gesamten EU im Verlauf der Eurokrise vor allem von Berlin oktroyiert worden. In Athen wird denn auch regelmäßig auf ihre deutsche Handschrift hingewiesen; Proteste, die sich dagegen richten, werden in der Bundesrepublik regelmäßig als „antideutsch“ etikettiert.

 

Ausgesperrt

Nach der Entscheidung, die Verhandlungen mit Griechenland abzubrechen und das Hilfsprogramm zu beenden, hat die Eurogruppe Athen von ihren Zusammenkünften ausdrücklich ausgeschlossen. Finanzminister Gianis Varoufakis durfte an den Gesprächen seiner 18 Euro-Amtskollegen nicht mehr teilnehmen – obwohl Griechenland, wie die Eurogruppen-Finanzminister bestätigen, offiziell immer noch Teil der Eurogruppe ist. Auf welcher Grundlage Varoufakis‘ Ausschluss erfolgte, ist völlig unklar, denn mit ihm wird einem souveränen Staat immerhin die Mitbestimmung über seine Währung entzogen. Faktisch nimmt Varoufakis‘ Ausschluss den Austritt Griechenlands aus der Eurozone vorweg.

 

Griechenland: „Kein Einzelfall“

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat angekündigt, die griechischen Banken vorläufig mit Notkrediten stützen zu wollen, um das Ausscheiden des Landes aus der Eurozone zu verhindern. Wie dies langfristig gelingen soll, ist nicht ersichtlich. Aus der Eurogruppe heißt es bereits beschwörend, man werde verhindern können, dass nach einem ökonomischen Kollaps und einer etwaigen Wiedereinführung der Drachme in Griechenland weitere Euroländer in den Krisenstrudel gezogen werden – etwa Portugal oder sogar Italien. Ökonomen unterschiedlichster Denkschulen geben sich jedoch skeptisch. „Egal, wie die Griechen-Krise ausgeht: Die Währungsunion wird nicht zur Ruhe kommen“, prognostiziert etwa Thomas Mayer, ein ehemaliger Chief European Economist der Deutschen Bank in London und Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. Wie Mayer urteilt, ist „die Konstruktion des Euro selbst … das Problem“, das auch zukünftig regelmäßig in die Krise treibe. Wer meine, „dass Griechenland ein Einzelfall“ sei und sich die Wirtschaft in den übrigen Staaten der Währungszone dauerhaft erholen könne, „unterschätzt die durch niedriges Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit und übermäßige Verschuldung in vielen Euroländern lauernden Gefahren“, warnt Mayer.[5]

 

Folgenreiches Lohndumping

Ebenfalls nicht mit einer Stabilisierung der Eurozone rechnet der ehemalige Staatssekretär im Bundesfinanzministerium Heiner Flassbeck. „Wir haben seit sechs Jahren Rezession in der Währungsunion“, erklärt Flassbeck: „Nicht nur Griechenland“, auch Frankreich oder auch Italien befänden sich „in einer schlechten Situation“.[6] Die Eurogruppe jedoch sei wegen der deutschen Spardiktate faktisch handlungsunfähig: „Wir sparen wie die Teufel und glauben, aus diesen Ersparnissen werden wie durch ein Wunder Investitionen.“ Genau dies aber sei bis heute nicht der Fall. Die deutsche Wirtschaft wachse ungebrochen, weil die Bundesrepublik per „Lohndumping“ Konkurrenzvorteile gegenüber anderen Eurostaaten erzielt habe, die daraufhin ihre Importe aus Deutschland gesteigert hätten, was wiederum deutschen Unternehmen stets neue Profite sichere, die importierenden Staaten aber immer weiter in die Verschuldung treibe. „Wir können nicht gleichzeitig die Schuldner beschimpfen, dass sie Schulden machen, und aber fest darauf vertrauen, dass sie wieder neue Schulden machen, damit unser Wachstum läuft“, warnt Flassbeck. Die einzige Lösung bestehe darin, dass die Bundesrepublik per Lohnsteigerung – Flassbeck spricht von jährlich fünf Prozent über eine Dauer von zehn Jahren – Nachfrage schaffe und es damit anderen Eurostaaten ermögliche, „wieder auf eine normale wirtschaftliche Entwicklung zu kommen“. Andernfalls, urteilt der ehemalige Finanz-Staatssekretär, „gibt’s halt keine Währungsunion mehr“.

 

Mehr zur deutschen Griechenland-Politik: Die Folgen des Spardiktats, Ausgehöhlte Demokratie, Wie im Protektorat, Nach dem Modell der Treuhand, Verelendung made in Germany, Austerität tötet, Millionen für Milliarden, Erbe ohne Zukunft, Todesursache: Euro-Krise, Kein Licht am Ende des Tunnels, Domino-Effekt, Europas Seele, Teutonische Arroganz, Die Bilanz des Spardiktats, Unter Geiern, Geschlossen unter deutscher Führung, Dringender Appell, Von Irrläufern, Zockern und Bürschchen und Die strategische Flanke.

[1] Ruth Berschens, Jan Hildebrand: Europa wappnet sich für Griechenlands Pleite. http://www.handelsblatt.com 27.06.2015.

[2] S. dazu No means Yes.

[3] Ruth Berschens, Jan Hildebrand: Europa wappnet sich für Griechenlands Pleite. http://www.handelsblatt.com 27.06.2015.

[4] S. dazu Die Folgen des Spardiktats, Verelendung made in Germany, Todesursache: Euro-Krise und Die Bilanz des Spardiktats.

[5] Thomas Mayer: Normalzustand Euro-Krise. http://www.faz.net 27.06.2015.

[6] Andreas Maschke: Ökonom Flassbeck: „Es ist nicht nur Griechenland“. derstandard.at 26.06.2015.

 

Presseschau vom 28.06.2015

Abends / nachts: Gefunden über die Facebook-Seite von ANNA News: Übersetzung der Videoansprache des übergelaufenen ukrainischen Generals an das ukrainische Militär „Ich rufe euch auf, die Junta zu stürzen“ von Dagmar Henn

Den sehr interessanten, vollständigen Artikel kann man lesen unter

http://vineyardsaker.de/video/ich-rufe-euch-auf-die-junta-zu-stuerzen/

viaPresseschau vom 28.06.2015.