Basler Zeitung, 14. März 2015 — http://bazonline.ch/schweiz/standard/Der-Dschungel-der-Dritten-Welt-breitet-sich-nach-Europa-aus/story/18427156
«Der Dschungel der Dritten Welt breitet sich nach Europa aus»
Der Nationalstaat ist am Ende, die UNO ein Ruinenfeld, Hunger und Gewalt breiten sich aus. Jean Ziegler sieht die Welt in seinem neuen Buch* am Wendepunkt und fordert zum Kampf auf.
BaZ: Herr Ziegler, Sie lehnen die heutige Weltordnung «intellektuell ab». Tat-sächlich hat man bei der Lektüre Ihres neuen Buches aber das Gefühl, dass Sie mit dieser Weltordnung sehr gut leben. Sie philosophieren, die Krawatte umgebunden und ein Glas Wein in der Hand, über den Hunger. Haben Sie kein schlechtes Gewissen?
Jean Ziegler: Doch, ich habe natürlich ein schlechtes Gewissen. Denn ich bin ja unglaublich privilegiert. Ich bin ein Weisser. Ich lebe in einem freien Land, ich hatte immer genug zu essen, das heisst meine Gehirnzellen konnten sich entwickeln. Ich bin ausserdem in einem friedlichen Mittelstandsmilieu aufgewachsen, mein Vater war Gerichtspräsident in Thun. Ich genoss die akademische Freiheit als Professor und hatte dazu noch ein Parlamentsmandat. Wenn ich in dieser Situation nicht kämpfen würde, könnte ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen.
Sie stellen sich in Ihrem Buch die Lebensfrage selbst und beantworten sie nicht ganz: Was hat Ihnen der Kampf gebracht?
Die kannibalische Weltordnung ist brutaler und absurder denn je, und die Weltdik-tatur des globalisierten Finanzkapitals ist mächtiger als irgendwann zuvor. Aber wie Bertolt Brecht schrieb: «Ohne uns hätten sie (die Mächtigen) es leichter gehabt.»
Kommen Sie sich manchmal nicht wie ein Hofnarr vor, der zwar reden darf, letztlich aber nichts bewirkt?
Diese Frage dürfen Sie als Journalist nicht stellen.
Wieso nicht?
Die Frage «Was nützt es?» kann niemand beantworten. «Man kennt die Früchte der Bäume nicht, die man pflanzt», heisst ein senegalesisches Sprichwort. Mein Buch ist nicht ein Buch der Utopie, sondern ein Handbuch für den Kampf gegen die weltbe-herrschende Finanzoligarchie. Jeder von uns hat alle Waffen in der Hand, um die kannibalische Weltordnung zu stürzen. (…)
* Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen; 11. März 2015, Bertelsmann, München
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Martin Zeis
globalcrisis/globalchange NEWS
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