Im Unterschied zu seinen geopolitischen Konzepten in seinem Standardwerk The Grand Chessboard von 1997 scheint der Ex-Präsidentenberater in diesem Interview eine realistischere Weltsicht einzunehmen. Er konzediert, dass die Zeiten einer unipolaren Weltordnung wohl der Vergangenheit angehören. Allerdings sieht er – bei aller Komplexität – eher in der VR China einen weltpolitischen Rivalen/Konkurrenten als in Russland. Von letzterem aber gehe unter Putin die eigentliche Bedrohung aus, unter der Annahme , dass dieser von einer Art Guerillakrieg gegen den Westen in einen totalen Krieg übergehe. Damit das nicht geschehe, müsse der Westen Putin durch Sanktionen gegen die russische Wirtschaft weiterhin schwächen um ihn so von weiterer Gewalt (z.b. in der Ukraine) abhalten. Haltet den Dieb!
International Politik und Gesellschaft:
„Russland wird aufhören, das
internationale System zu stören“
Der Nationale Sicherheitsberater a.D.
Zbigniew Brzezinski über Putin,
Chauvinismus und die Segnungen der
Mittelschicht.
http://www.ipg-journal.de/kurzinterview/artikel/russland-wird-aufhoeren-das-internationale-system-zu-stoeren-754/
von Zbigniew Brzezinski
Ist mit Russlands Invasion der Ukraine, ISIS und dem zunehmenden
Durchsetzungswillen Chinas die Ära nach dem Ende des Kalten Krieges 2014
Beendet?
Die Zeit nach dem Kalten Krieg war nicht wirklich eine „Ära“, sondern eher ein
allmählicher Übergang von einem bilateralen Kalten Krieg zu einer komplexeren
internationalen Ordnung, in die im Endeffekt immer noch zwei Weltmächte
involviert sind. Kurz gesagt sind es in zunehmendem Maße die Vereinigten Staaten
und die Volksrepublik China, die auf der Achse dieser neuen Ordnung eine
maßgebliche Rolle spielen. Der sino-amerikanische Konkurrenzkampf ist von zwei
wesentlichen Realitäten geprägt, die ihn vom Kalten Krieg unterscheiden: Keine der
Parteien ist in ihrer Ausrichtung übermäßig ideologisch und beide Parteien erkennen
an, dass sie wirklich auf gegenseitiges Entgegenkommen angewiesen sind.
Kann das Regime Wladimir Putins einen längeren Zeitraum mit niedrigen
Energiepreisen und Sanktionen überstehen? Welche Risiken zeichnen sich ab,
wenn die russische Wirtschaft weiter schrumpft?
Natürlich besteht die Gefahr, dass Putin irgendwann beschließt zum Angriff
überzugehen und eine wirklich massive internationale Krise auslöst, die in einer
neuen Form des unmittelbaren Krieges zwischen Ost und West mündet. Dann
müsste man aber auch davon ausgehen, dass er selbst sein inneres Gleichgewicht
verloren und sich von einer Art Guerillakrieg gegen den Westen, bei dem es immer
irgendeine Rückzugsmöglichkeit gibt, auf einen totalen Krieg verlegt hat. Der
Ausgang wäre naturgemäß nicht vorhersehbar, dürfte aber in jedem Fall
verheerende Folgen für Russlands Wohlergehen haben. Wenn Russlands Wirtschaft
weiter schrumpft, und wenn es dem Westen gelingt, Putin davon abzuhalten,
weiter Gewalt anzuwenden, ist immer noch denkbar, dass eine akzeptable Lösung
gefunden werden kann. Aber das hängt wiederum von der entschlossenen
Unterstützung des Westens für die für die Bemühungen der Ukraine ab, sich zu stabilisieren.
(…)
Weitere Fragestellungen:
Was könnte die Welt 2015 hier am meisten überraschen?
Der chinesische Präsident Xi Jinping hat seinen Kampf gegen die Korruption benutzt, um mehr Macht in seinen Händen zu konzentrieren als jeder andere chinesische Staatschef seit Deng Xiaoping. Wie sehen Sie die weitere Entwicklung der Präsidentschaft Xis?
Sind die USA nach ihrem Truppenabzug aus Afghanistan und Irak in eine Phase der „Einkehr“ in eine Form des Neo-Isolationismus eingetreten?
Zbigniew Brzezinski
Washington
Zbigniew Brzezinksi war Sicherheitsberater der US-Regierungen unter Lyndon B. Johnson und Jimmy Carter und ist Professor für US-amerikanische Außenpolitik an der Johns Hopkins University.
Der vollständige Text über den Link oben und als Anhang in PDF: 20150123 Brzezinski-Putin
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