K. Müller (AGH Krakau): Die Clans der Ukraine – Machtverhältnisse in einer Demokratie, die ni e existiert hat


Von: Elke Schenk <e.schenk>
Datum: 26. Oktober 2014 17:45:25 MEZ
An: gc-special01%martin.zeis
Betreff: K. Müller (AGH Krakau): Die Clans der Ukraine – Machtverhältnisse in einer Demokratie, die nie existiert hat

Guten Tag zusammen,

anlässlich der Parlamentswahl in der Ukraine am heutigen Sonntag (26.10.) möchte ich einen Artikel des Sozialwissenschaftlers Klaus Müller in der Oktoberausgabe von Le Monde diplomatique empfehlen. Er ist seit 2005 Soziologieprofessor an der AGH Uni in Krakau.

Müller zeigt, wie seit etwa 20 Jahren wechselnde Oligarchen-Clans mit den ihnen gehörenden Medien und von ihnen finanzierten Parteien sich den Staat aneignen und wie seit der Maidan-Revolution rechte Kampftrupps in diesen Prozess integriert sind.

Der Artikel macht deutlich, dass unter diesen Bedingungen, die seit dem

Vertreiben von Janukowitsch in keinster Weise geändert wurden, Demokratie

nicht möglich ist und wie die Hoffnungen der Menschen enttäuscht wurden. Er

macht ebenfalls bewusst, wie undifferenziert, ja falsch, die von westlichen

Regierungen und Medien verbreiteten Mythen zur Maidan-Bewegung und zur

Ukraine sind.

Auszüge aus dem Artikel sind unten einkopiert; der vollständige Text findet sich im Anhang.

Viele Grüße

Elke Schenk

globalcrisis-globalchange/News

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2014/10/10/a0043.text[1]

*Die Clans der Ukraine*

*Machtverhältnisse in einer Demokratie, die nie existiert hat *

*von Klaus Müller*

In ihrem Zerfall, der bereits mit dem Amtsantritt Petro Poroschenkos einsetzte,

wird die Maidan-Bewegung als das erkenntlich, was sie schon bei ihrer Entstehung

im Spätherbst 2013 war: eine temporäre Koalition höchst unterschiedlich

motivierter Protestgruppen. Der gemeinsame Gegner führte soziale

Protestbewegungen, nationalistische Kampftrupps und um die Macht

rivalisierende Eliten zusammen. Was in der westlichen Öffentlichkeit als Kampf

europäischer Werte gegen einen wiederauferstandenen russischen Imperialismus

porträtiert wurde, verdeckte in Wahrheit die höchst unterschiedlichen Interessen

jeder dieser Gruppierungen.

Diese oligarchischen Strukturen sorgen dafür, dass das Verhältnis zwischen

nationalen Bewegungen, Parteien, Medien und politischer Macht von außen kaum

zu durchschauen ist. Die dominierenden Clans haben sich im Übergang der Ukraine

von einer Sowjetrepublik in die Unabhängigkeit herausgebildet.

In den ersten fünf Jahren der Transformation ging die Hälfte der Unternehmen in

privaten Besitz über. Die drei großen „Clans“ der 1990er Jahre bildeten die

territoriale und sektorale Gliederung der ukrainischen Wirtschaft ab. Der Donezker

Clan gruppierte sich um Rinat Achmetow, der die Schwer- und Metallindustrie

dominierte; wichtige Verbündete waren der Industrieverband Donbass um Serhij

Taruta, Witali Hajduk und die Gebrüder Klujew.

Die Dnepropetrowsker Gruppe war am engsten mit der politischen Maschine von

Leonid Kutschma, dem zweiten Präsidenten der Ukraine, verwoben. Wiktor

Pintschuk, anfangs in der Metallindustrie engagiert, ist Kutschma familiär

verbunden und stimmte seine Interessen mit der Finanzgruppe Privat von Ihor

Kolomojskyj ab. Dieser Gruppe hatten sich Julia Timoschenko und Serhij Tihipko

angeschlossen. Der Kiewer Clan als dritte Kraft profitierte von seinen direkten

Verbindungen zur Präsidialverwaltung Kutschmas, sah jedoch seinen Einfluss unter

den veränderten politischen Rahmenbedingungen zusehends schwinden.

Für die Massenloyalität sorgt in diesem oligarchischen System die seit Ende der

1990er Jahre zugelassene Konkurrenz von Parteien, über die verschiedene

Kapitalgruppen ihre Interessen koordinierten. Die Öffentlichkeitsarbeit der Clans

läuft über Fernsehstationen und Zeitungen, die sie über ihre eigenen

Mediengruppen kontrollieren.(2) Die Veränderungen der ukrainischen Politik seit

der Jahrtausendwende gehen auf die wechselnden Koalitionen dieser

Kapitalgruppen zurück, die wiederum Verschiebungen im Parteiensystem

bewirken. Die von Timoschenko gegründete Vaterlandspartei konnte sich die

Unterstützung des größten Autoproduzenten Tariel Vasadze sichern;

Janukowitschs Partei Unsere Ukraine konnte auf Poroschenko, Taruta und Hajduk

zählen. Angesichts dessen war kaum zu erwarten, dass der Sieg der Orangen

Koalition von 2005 die Geschäftsgrundlage der Politik verändern würde.

Stattdessen wurden in der Ära Timoschenko die Rivalitäten bei der Verteilung der

Gewinne aus russischem Gasimporten in die Regierung selbst hineingetragen.

Von einer proeuropäischen Politik der Orangen Koalition – im Gegensatz zu einer

prorussischen Orientierung der vorangegangenen wie der folgenden Regierung

unter Janukowitsch – kann also kaum die Rede sein. Denn auch die

außenpolitischen Optionen waren stets von den Investitionsinteressen der

Industriegruppen instruiert.

Forts. s. pdf-Datei im Anhang

Ukraine-Clans-Müller-LMD2014 10.pdf

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