Degrowth – eine konkrete Utopie
Johannes Heimrath sprach mit der Philosophin Barbara Muraca, die am Kolleg »Postwachstumsgesellschaften« der Friedrich-Schiller-Universität in Jena forscht.
Barbara, wir sind uns im Februar 2011 bei einer Schrumpfungstagung begegnet. Meine Lippe war blutiggeschlagen, weil mich in der Nacht zuvor ein Bundespolizist bei einer Mahnwache gegen einen Castor-Transport vor Lubmin niedergeknüppelt hatte. Du sprachst zu meiner Freude über den Rebound-Effekt – dass effizientere Technik meist höheren Ressourcenverbrauch nach sich zieht. Diese Perspektive wird bis heute von kaum jemandem zur Sprache gebracht. (…)
Viel transformativer als individuelle Bescheidenheit wirken gemeinschaftliche Prozesse, die beglückender sind als Besitz und Statussymbole. Die Degrowth-Gesellschaft verlangt eine radikalere Transformation als nur im Bereich des Konsums. Wir brauchen ganz andere Produktionsweisen, ganz andere Infrastrukturen, ganz anders gestaltete soziale Beziehungen. Deshalb finde ich das Commons-Narrativ, das die Gemeingüter und Relationen in den Mittelpunkt stellt, so spannend. (…)
Ich erinnere mich an die Schockstarre, in die viele alternative Bewegungen in Italien nach den Protesten gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 verfallen sind – die Polizei hat den Demonstranten damals den Krieg erklärt, und darauf war der bunte Widerstand nicht vorbereitet. Vorbereitung bedeutet, sich Zeit für die Analyse der Situation zu nehmen: Ab welcher Schwelle fängt etwas an, für die etablierten gesellschaftlichen Systeme zum ernsthaften Störfaktor zu werden? Genauso wichtig sind die Erfahrungen, die Menschen in den sogenannten Nischen machen. In Barcelona lebt zum Beispiel der Geist der Platzbesetzungen durch die »Indignados« – die »Empörten« – in einigen Ecken der Stadt weiter. Dort bauen Menschen solidarische Netzwerke lokaler Produktion auf. Diese auch körperliche Erfahrung gibt Kraft, sich mit Konflikten und Gegenmacht auseinanderzusetzen. Zugleich wächst, was in der Literatur »Education of Desire« genannt wird: durch lebendige Erfahrungen eine Ahnung von dem zu bekommen, was wir wirklich, wirklich wollen. Darin liegt ein starkes Potenzial. (…)
a. Dieses »Heranbilden von Sehnsucht« gehört zur Herzensbildung. In dir entsteht ein unbändiges Verlangen, das zu verwirklichen, was du in Keimform als sinnhaft und schön erfahren hast. – Was mir Sorgen macht: Während wir in unseren Nischen unterwegs sind, setzen andernorts brutale Gewalttäter ein »Kalifat« als Alternative zur Moderne durch. Auch sie haben einen – pervertierten – Degrowth-Ansatz …
Solche fundamentalistischen Gruppen entstehen an der Schnittstelle zwischen der hochtechnischen westlichen Moderne und einer vermeintlichen Tradition, die es so nie gegeben hat und die als Gegenpart konstruiert wird. Auch das ist eine Antwort auf den Wachstumswahn. Es ist denkbar, dass sich Gesellschaften durch einen ökofaschistischen Weg an kommende Krisen anpassen werden. Darum spreche ich von einer demokratisch-solidarischen Degrowth-Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund finde ich es schön, dass das Wort »Imagination« in der Degrowth-Bewegung kursiert. Das gesellschaftlich Imaginäre – die Vorstellungen, die eine Gesellschaft zusammenhalten und unserer Praxis Sinn verleihen – darf sich von faschistischen oder diskriminierenden Tendenzen nicht vereinnahmen lassen. (…)
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