Hallo zusammen,
Paul SCHREYER hat heute in der jW die erweiterte Fassung eines Kapitels aus dem zusammen mit Mathias BRÖCKERS verfassten Buch »Wir sind die Guten. Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren« (Westendverlag, im Buchhandel seit 10.09.2014) unter folgendem Titel publiziert: »Freedom and Democracy« Seit Weltkriegsende ist die CIA in der Ukraine aktiv: von der Unterwanderung der Kulturszene über die Inszenierung einer »orangenen Revolution« bis zur heutigen Militärberatung. (vgl. Anm. 1)
Das absolut lesenswerte Buch stößt inzwischen auf eine deutliche Resonanz (Platz 10 der aktuellen Spiegel-Bestsellerliste) und ist in verschiedenen Zeitungs-/Rundfunkmedien sowie auf zahlreichen Websites/Blogs besprochen worden, z.T. im Rahmen von Interviews mit den Autoren (vgl. hierzu die fortlaufende Dokumentation der Resonanz/Rezeption auf der Website: www.putinversteher.info).
Aus der Fülle der Beiträge im Folgenden Auszüge aus einer Besprechung, entnommen dem Autoren-Blog der Wochenzeitung FREITAG.
Grüße,
Martin Zeis
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… Frage: Was genau liefert »Wir sind die Guten«? Wer eine lückenlose, möglichst detaillierte und prall mit Faktendetails angefüllte Widerlegung der im Zug der Krise getätigten Nachrichten-Spins erwartet (ähnlich etwa wie Austs/Laabs »Heimatschutz«-Fleißarbeit zum Thema NSU-Terror), wird tendenziell enttäuscht. Fakten und Hintergrundinfos liefern Bröckers und Schreyers zwar ausgiebig. Die Stärke von Wir sind die Guten ist allerdings die pointierte, argumentunterfütterte Auseinandersetzung mit der aktuellen US-Geopolitik. Sind »wir« – also der Westen, die NATO, die EU – tatsächlich die Guten? Das erste Buchkapitel beschäftigt sich einleitend mit der Genese eines Kampfbegriffs: des »Putinverstehers«. Bröckers und Schreyer widerlegen nicht nur die Propagandafunktion dieses Begriffs – als sei es auf der politischen Bühne ein Unding, irgendeine Entwicklung oder Handlungsweise verstehen zu wollen. Pointiert zeigen sie darüber hinaus auf, wie sich die Sichtweise auf Wladimir Putin aus östlicher Sicht, aus der Sicht ganz normaler Russen und Russinnen darstellt: ein Mann, der nicht nur dicke Fische in der Taiga fängt, Judo kann und zu Unterhaltungszwecken leidlich passabel Fats-Domino-Titel interpretiert, sondern einen geradezu beispielhaften wirtschaftlichen Aufschwung hinbekommen hat. Eine Tatsache, die nach den dunklen, von Raubtierkapitalismus pur geprägten Jahren der Jelzin-Ära durchaus etwas heißen will.
Das zweite Kapitel richtet den Spot auf das geografische Zentrum der Krise: die Ukraine. Die Informationen im kurzen historischen Abriss mögen informierten Lesern großteils bekannt sein – etwa der Gegensatz zwischen dem russisch geprägten südöstlichen und dem galizisch-nationalukrainischen Westen des Landes. Bröckers und Schreyer legen dar, dass eine einheitliche ukrainische Nationalität ein politisches Konstrukt ist. Und dass das Land als Ganzes nur eine Chance hat bei einer entsprechenden Ausbalancierung der widerstreitenden Interessen. Nicht Frontstaat, wie US-Hardliner, NATO und transatlantische Medien wollen, sondern vielmehr Brückenstaat. Ein Großteil der folgenden Kapitel beschäftigt sich mit der ökonomischen »Hardware« des Konflikts – genauer: den geostrategischen Interessen, denen die Ukraine anheimgefallen ist. Interessant sind vor allem die unterschiedlichen Szenarios in Sachen »Pipelinestan«: so etwa das Hickhack um den sogenannten South-Stream: eine umstrittene Erdgas-Pipeline, die durch Bulgarien bis nach Italien führen soll und von der EU aktuell torpediert wird respektive auf Eis gelegt ist.
Geostrategische Interessen, so Bröckers und Schreyer in weiteren Buchkapiteln, tangieren nicht nur auszubeutende Rohstoff-Ressourcen, zu präferierende Fördertechniken (Stichwort: Fracking) sowie (abgeschlossene, geplante oder auch, im Gegenzug, sabotierte) Pipeline-Deals. Auf der globalpolitischen Ebene haben in den letzten zwei Jahrzehnten mehr und mehr sogenannte Farben- und Frühlingsrevolutionen Furore gemacht. Ob Ukraine, Syrien oder Lybien: Die Autoren beschreiben, mit welchen Mitteln und Techniken Opposition hochgepampert wird gegen Regierungen, die den Kräften des freien Marktes gegenüber nicht willfährig genug sind. Ungeachtet dieser geopolitischen »Ausflüge« bleiben die Ukraine, Russland sowie das aktuelle Eskalationsszenario in Richtung Russland der stringente rote Faden im Buch – das Brennglas sozusagen, in dem sich die aktuelle Geopolitik des Westens fokussiert.
Die speziellen Parameter des Regime Changes in der Ukraine mit ihren zahlreichen Ungereimtheiten sind dabei ein zentraler wie aufschlußreicher Aspekt: die mysteriösen Sniper-Teams etwa während des Maidan-Umsturzes, die auf beide Seiten feuerten und anschließend wie vom Erdboden verschwunden waren. Oder auch die weiter bestehenden Widersprüchlichkeiten rund um den Absturz der malaiischen MH17. Wie wird Meinung gemacht, respektive: Wie werden Meinungen, Ansichten, Interessen zu »Wahrheiten«? Die Fronde der deutschen Leitmedien, die in diesem Konflikt wie nie zuvor auf Beeinflussung und Lesermanipulation setzte anstatt auf unvoreingenommene Information, wird von den Autoren ebensowenig ausgespart. Dezidiert und mit aufschlussreichen Hintergrundinfos leuchten Bröckers und Schreyer die Connections der transatlantischen Netzwerke aus. Ein Spezialthema, das bei diesen Verbindungen nahe liegt: der für Außenstehende seltsam erscheinende Einklang, in dem (sonst) renommierte Medien wie die Zeit, die Süddeutsche, der Spiegel oder auch ARD und ZDF agieren.
Die Friktionen und die Widersprüchlichkeiten, in die sich der aktuelle Leitmedienjournalismus in Deutschland hineinbegeben hat, werden mit klaren Worten beschrieben. Bröckers/Schreyer: »(…) Das beispiellose Putin-Bashing sowie die weitgehende Verleugnung einer agressiven westlichen Geopolitik gegenüber Russland führen, wie beschrieben, erstmals zu einer deutlich sichtbaren Spaltung zwischen Medien und großen Teilen des Publikums. Im (Eliten-)Mainstream zu verbleiben verlangt von Journalisten inzwischen ein extremes, vorher kaum gekanntes Maß an Einseitigkeit, das letztlich unvermeidlich an Realitätsverlust grenzt. Wer einen wachsenden Teil der Wirklichkeit mehr oder weniger ausblenden muss, um die gewünschte Interpretation der Welt aufrechtzuerhalten, dessen Analysefähigkeit nimmt Schaden – und dieser Schaden kann ab einem gewissen Punkt kaum mehr verborgen werden.«
Bleibt bei so viel Analyse und pointierter Faktendarstellung noch Platz für Perspektiven, für das Gute, oder immerhin die Guten, um die es im Buchtitel geht? »Im Bürgerkrieg in der Ukraine geht es nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern um die Macht im ›Großen Spiel‹« – so das eher ernüchternde Fazit im letzten Kapitel. Und: »Sind wir noch die Guten, wenn wir uns für Freiheit, Zivilgesellschaft, Menschenrechte, Homosexuelle oder Klimaschutz einsetzen, aber auf solche Mittel (Terror, Bürgerkrieg und Drogenhandel) oder solche Verbündeten (Islamisten, Faschisten und Mafia) zurückgreifen?« Die Frage, ob sich mit «wir« auch der Leser und die Leserin angeprochen fühlen mag, soll an der Stelle nicht weiter ausgeführt werden.
Fazit: Mathias Bröckers und Paul Schreyer haben einen wichtigen Titel zur laufenden Auseinandersetzung vorgelegt. Das Buch beantwortet zwar nicht alle Fragen zur Krise. Allerdings liefert es wertvolle Aufmunitionierung: Argumente sowie eine Betrachtungsweise, die den Konflikt ausnahmsweise einmal aus der (eher nüchternen) Blickwarte US-amerikanischer Interessen durchdekliniert. (…) — Hervorh. m.z. —
(…)
Anmerkungen:
(1)
Junge Welt, 22.09.2014 — www.jungewelt.de/2014/09-22/001.php
Auszug aus dem Schreyer-Text: „… In der Ukraine-Krise liegt der mediale Fokus weiterhin auf dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Was will er, was plant er, was denkt er? So fragen viele Kommentatoren und vermeiden dabei in der Regel einen ähnlich gründlichen Blick in die andere Richtung, gen Westen. Nicht wenige Beobachter waren daher überrascht, diesen selbstkritischen Blick nun in der aktuellen Septemberausgabe der altehrwürdigen Zeitschrift Foreign Affairs zu entdecken, bekanntlich herausgegeben vom konservativen New Yorker Eliteklub »Council on Foreign Relations«.
Der renommierte Politologe John Mearsheimer argumentiert dort freimütig (2), daß die USA und ihre europäischen Alliierten »den größten Teil der Verantwortung für die Krise tragen«. »Die Wurzel der Probleme«, so Mearsheimer, »ist die NATO-Erweiterung, als zentrales Element einer größeren Strategie, um die Ukraine aus dem russischen Einflußbereich herauszutrennen und in den Westen zu integrieren«. Die Lösung des Konflikts bestehe nun darin, sich von diesem Ziel zu verabschieden und die Ukraine gerade nicht weiter zum Frontstaat, sondern zu einer neutralen Brücke zwischen Ost und West zu machen – vergleichbar etwa der Rolle Österreichs im Kalten Krieg. Auch solle der Westen seine Bemühungen um ein »Social Engineering« in der Ukraine »erheblich einschränken«. Was Mearsheimer damit meint, ist die aktive westliche Unterstützung der sogenannten Farbrevolutionen, wie etwa der »orangen Revolution« von 2004 oder eben der jüngsten Maidan-Bewegung in Kiew.
Daß diese spezielle Form der »Demokratieförderung« in der Ukraine ihre Wurzeln in CIA-Programmen hat, ist zwar immer wieder vermutet worden, wurde in seiner historischen Komplexität erst in jüngerer Zeit bekannt. Denn wie Dokumente zeigen, operiert die CIA tatsächlich seit den 1950er Jahren kontinuierlich in der Ukraine – dabei meist an der Seite rechtsextremer Nationalisten. (…)
(2)
vgl. den auf dieser Liste am 1. September 2014 geposteten Text: John J. MAERSHEIMER: Why the Ukraine Crisis Is the West’s Fault – The Liberal Delusions That Provoked Putin; FOREIGN AFFAIRS, Sept/Oct 2014 www.foreignaffairs.com/articles/141769/john-j-mearsheimer/why-the-ukraine-crisis-is-the-wests-fault
ins Deutsche übersetzt: John J. Mearsheimer: Putin reagiert. Warum der Westen an der Ukraine-Krise schuld ist; URL:
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Martin Zeis
globalcrisis/globalchange News
martin.zeis@gmxpro.net
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